Sonnenuntergang-Kehlsteinhaus

Bergerlebnis & Alpenstadt - Blog

Die Hochkalter-Überschreitung

 von Jannis

Die letzten Meter über den spannenden Gipfelgrat des Hochkalters

Die letzte hohe Bergtour in diesem Jahr?

Lange sitzen wir vor der „zweiten Wand“, der Schlüsselstelle im Aufstieg von der Blaueishütte zum Hochkaltergipfel. Lagebesprechung. Wir hatten uns heute die Hochkalterüberschreitung, eine der anspruchsvollsten markierten Bergtouren im Berchtesgadener Land vorgenommen. Eine wahre Traumtour und vielleicht die letzte hohe Tourenunternehmung in diesem Jahr. Am nächsten Tag soll der nächste Wintereinbruch folgen. Ob der goldene Herbst noch einmal so strahlend wie in der letzten Woche zurückkommt?

Doch an dieser Stelle, im Vorfeld der etwa 8 Meter hohen, Kletterei im 2. Grad erfordernden Felsmauer, lässt uns das Wetter an unserem Vorhaben zweifeln. Ein kalter Wind peitscht die tiefen Wolken vor sich her. Es regnet und das nicht zu wenig. Eventuelles Tröpfeln am Vormittag war angesagt, mittlerweile ist es schon früher Nachmittag, die Sonne hätte laut Wetterbericht schon längst scheinen sollen und wir sind klatschnass. Der Regen macht die Felspartien nicht einfacher, sondern bloß rutschiger. Da wir bei einer ausbleibenden Wetterbesserung die glatte Wand nicht wieder abklettern wollen, warten wir lange auf die Sonne, sie sollte uns nicht enttäuschen und uns letztendlich noch einen fantastischen Tag am Hochkalter bescheren…

Aufstieg über die Blaueishütte zum Schönen Fleck und die große Wetterfrage

An den Ort unserer Zwangspause sind wir über den wahrscheinlich bekanntesten Weg in das Reich des Hochkalters eingedrungen. Dieser führt von dem Parkplatz Seeklause (kurz vor dem Hintersee) an der Schärtenalm vorbei zur Blaueishütte (ca. 2,5 Std.). Zu unserer Überraschung steigt Rauch aus dem Kamin der Blaueishütte auf, die eindrucksvoll von den steilen Wänden des Hochkaltermassivs überragt wird. Eigentlich ist die Hütte doch schon seit zwei Wochen geschlossen….?

Es werden Umbaumaßnahmen getätigt, klärt man uns später auf, weshalb die Hütte an diesem und am kommenden Wochenende noch geöffnet ist. Sogar kleine warme Speisen, Kaffee und Kuchen werden uns angeboten. Dankend nehmen wir das Angebot bei den widrigen Verhältnissen draußen an. Ernüchterung macht sich breit als wir die warme Stube der Hütte verlassen, leichter Regen hat eingesetzt und der Hochkalter hüllt sich in dichte Wolken.

Wird sind heute etwas spät gestartet, eine Menge Bergsteiger kommen uns bereits vom Steinberg und der Schärtenspitze entgegen. Zwei schöne Gipfelziele im imposanten Fels-Amphitheater rund um die Blaueishütte. In dieses tauchen wir über den Steig ein, der von der Blaueishütte in Richtung Blaueisgletscher durch das Felstrümmerfeld hinter der Hütte führt. Etwa zehn Minuten nach Aufbruch von der Blaueishütte trennt sich der Aufstiegsweg zum Hochkalter von den anderen Routen.

Ab hier beginnt der wirkliche Anstieg zum Hochkalter, der ohne Bergführer nur erfahrenen, felserprobten und schwindelfreien Bergsteigern vorenthalten bleibt. Als Tagestour ist die Überschreitung darüber hinaus ein echter Test für Ausdauer und Durchhaltevermögen. 10-12 Stunden sollte man auf jeden Fall für diese absolut naturbelassene, Drahtseilfreie Tour einplanen, die durchgängig Konzentration und einen sicheren Tritt verlangt.

Die erste Hürde auf dem Weg zum Gipfel stellt die etwas widerspenstige Schuttrinne dar, die vom Gratsattel des Schönen Flecks in das Blaueiskar hinabzufließen scheint. Denn hier ist der Untergrund fast nie fest…. Auf dem steilen Pfad kommen uns drei Hochkalter-Aspiranten frustriert reinblickend entgegen. Wir erkundigen uns nach dem eigentlich schon offensichtlichen Grund für die Trübsal: „Nee wir sind umgekehrt, kein großes Vergnügen heute, ***** rutschig und oben sicher zu schneeig. Und von Westen kommt nur noch mehr graue Wolkensuppe nach. Aber schaut am Besten selbst.“

Haben wir schon vorher leise Zweifel gehabt, sprechen wir sie nun zum ersten Mal laut aus. Da Eindrücke von Verhältnissen zumeist subjektiv gefärbt sind, entscheiden wir uns aber selber ein Bild zu machen. Wir wollen erstmal weiter zum Schönen Fleck aufsteigen, von wo aus man die Wetterentwicklung besser überblicken kann. Vorsichtig klettern wir die Platten unterhalb des Schönen Flecks hoch, die zum ersten Mal elementare Kletterfertigkeiten verlangen. Über rutschige, aber gute Tritte und Griffe erreichen wir den heute nicht besonders schönen Schönen Fleck.  Eine steife Brise jagt uns direkt weiter hoch. Am Horizont zeigt sich aber einer heller Streifen, Hoffnung keimt auf.

Über den hier noch breiten Kamm und durch wilde Felsblöcke, zwischendurch immer wieder die Hände benötigend, erreichen wir unseren heutigen Ort der Entscheidung. Und warten….

Über Rotpalfen und Kleinkalter auf den Hochkalter    

Und warten…Irgendwann muss der helle Streifen am westlichen Horizont doch auch das Berchtesgadener Land beglücken. Die Felswand versperrt uns die Sicht, als uns zu kalt wird und es schon lange aufgehört hat zu regnen, wagen wir den Vorstoß über die Felswand. Klettertechnisch ist dies wahrscheinlich die anspruchsvollste Stelle der Überschreitung, ausgesetzt ist sie aber nicht. Ein paar kräftige Armzüge und die nächste Hürde ist geschafft.

Kurz danach sind mit einmal alle Zweifel, dass wir den Gipfel heute nicht erreichen werden, verflogen. Wie sich manchmal aus dem Nichts ein Stau auf der Autobahn auflöst, löst sich die Wolkendecke über uns auf und wir stehen urplötzlich in der Sonne. Von dem positiven Wetterumschwung ganz euphorisiert, entschließen wir uns kurzer Hand dazu, auf einem kleinen Umweg dem Rotpalfen (Wasserwandkopf) einen Besuch abzustatten. Der Gipfel bietet einen tollen Tiefblick in fast alle Richtungen und stürzt mit beeindruckenden Wänden fast senkrecht ins Blaueiskar ab. Jetzt wo es trocken ist, wage ich auch mein Handy wieder zum Fotografieren rauszuholen…

Am Gipfel des Rotpalfens

Nach dem kurzen Abstecher machen wir uns weiter auf dem Weg zum Kleinkalter. Die letzten Wolkenfetzen hängen noch am Kaltergrat bevor es komplett aufklart.

Wolken vom Winde verweht

Zunächst geht es auf dem breiten Kamm weiter. Rechts tief unter uns liegt das Klausbachtal, darüber zeigen sich die Reiter Alm und die markanten Loferer und Leoganger Steinberge. Bald zieht sich der Kamm zu einem schmaleren Grat zusammen. Der schwindelerregende Tiefblick ins Blaueiskar und auf den Blaueisgletscher wird nun zur Linken immer öfter zu unserem Begleiter. Zumeist halten die Wegmarkierungen aber einen Sicherheitsabstand zur Abbruchkante.

Kurz vor Erreichen des Kleinkalters braucht man nochmal die Hände um einen Gratabsatz zur erklimmen. Für ein paar Meter wird der Grat hoch über dem Blaueisgletscher dann ganz schön schmal. Bei schwindelfreien Bergsteigern dürfte sich aber eher ein anregendes als ein beängstigendes Gefühl und große Freude über die einfache Genusskletterei breit machen.

Auf dem Weg zum Kleinkalter

Vereinzelte Schneefelder bereiten keine Schwierigkeiten

Langsam wird der Grat schmaler, der Hochkalter im Hintergrund wartet schon auf uns.

Zwischendurch müssen wir über kleine Schneefelder stapfen, diese befinden sich aber nie an heiklen Stellen. Wir haben Glück, denn dies sollte bis zum Gipfel so bleiben. Nach dem Kleinkalter verliert man ein paar Höhenmeter, bevor eine weitere Graterhebung gewonnen und wieder abgestiegen wird. Es könnte ewig so weiter gehen! Als wir us gerade an die gemütliche Gratpromenade gewöhnt haben, erreichen wir eine ausgeprägte Scharte. Der Schlussanstieg zum Hochkalter beginnt!

Abermals werden die Hände benötigt. Einmal geht es durch eine steile Rinne aufwärts, dann wieder erklimmt man aus einer engen Scharte haushoch über dem Blaueiskar den letzten fordernden Gratabsatz. Mit dem ebenen Gipfelgrat folgt das letzte Highlight, bevor wir glücklich den heute komplett vereinsamten Gipfel erreichen (5-6 Std. ab Parkplatz).

Schlussanstieg zum Hochkalter

Die letzten Meter über den spannenden Gipfelgrat des Hochkalters

Wunderbares Finale am Hochkalter

Den Abstürzen ins Blaueiskar nicht zu nahe kommend…

…erreichen wir das Gipfelkreuz auf 2607 Meter Höhe

Rückblick über einen Teil des Grats

Wer hätte das gedacht, so ganz können wir unser Wetterglück immer noch nicht fassen. Umso länger genießen wir den Gipfelerfolg und begutachten das großartige Panorama. Wunderschön, wie sich die Bergketten in alle Richtungen scheinbar endlos aneinanderreihen. Bloß König Watzmann versperrt mit seiner breiten Westwand protzig ein wenig die Sicht.

Blick über den Talschluss des Wimbachtals in das Steinerne Meer

In der Ferne ragt der Großglockner über dem Taldunst des Pinzgaus in die Höhe

Tiefblick zur gut getarnten Blaueishütte

Hinter den Leoganger und Loferer Steinbergen reiht sich Gebirgskette an Gebirgskette

Abstieg durch das Ofental

Irgendwann müssen wir uns vom Gipfel trennen, denn ähnlich wie bei der Watzmannüberschreitung sind mit dem Aufstieg alleine noch nicht alle Schwierigkeiten und vor allem Wegstunden der Überschreitung geschafft. Der Abstieg über die Südwestflanke ist steil, ruppig und verläuft teilweise unangenehm auf kleinsplittrigem Geröll, auch hier warten kurze Kletterstellen.

Die eindrucksvoll geschichtete Ofentalschneid im diffusen Nachmittagslicht

Mit Erreichen des oberen Ofentals ist der erste Abschnitt des extrem langen Abstiegs geschafft. Der zweite Teil führt durch die Felsblockwüste des Ofentals. In beeindruckender Szenerie zwischen den auffällig geschichteten Wänden von Hochkalter und Ofentalhörnl können immer wieder Wegstrecken auf Geröll rutschend zurückgelegt werden. Froh sind wir, als wir seit langem wieder Gras und somit weichen Boden unter unseren Füßen haben. Bei einer kurzen Verschnaufspause bestaunen wir den von der untergehenden Sonne unwirklich gefärbten Abendhimmel über der Reiteralm.

Abendhimmel über der Reiteralm

Der dritte Part folgt. In der Dämmerung führt uns ein weiterhin Konzentration forderner Steig durch Latschen und irgendwann zwischen den ersten Bäumen hindurch weiter abwärts. Das Klausbachtal ist immer noch weit entfernt, und der Weg immer noch zum Großteil steinig.

Mit Einbruch der Dunkelheit erreichen wir einen auffälligen Wegweiser am Waldrand. Immer noch sind es mehr als 2 Stunden zurück zum Parkplatz. Nun folgt der mental anstrengendste, vierte Teil des Abstieges. Elend lange quert man immer wieder den Berghang ohne wirklich Höhe zu verlieren und dem Klausbachtal näher zu kommen. Auf Autopilot schaltend sammeln wir gefühlt Kilometer und weichen Stolperfallen in Form von glatten Wurzeln und spitzen Steinen aus. Irgendwann erbarmt sich der Weg und knickt als Forstweg auf immer noch weit ausholenden Serpentinen ins Tal hinab.

Im Klausbachtal angekommen, erholen wir uns vom Kräfte zehrenden Abstieg und schauen lange in den atemberaubenden Sternenhimmel.

Die letzten 45 Minuten geht es dann auf breitem Weg durch das Klausbachtal und am Hintersee vorbei mit nur noch wenig Höhenverlust zum Parkplatz Seeklause. Dort geht nach einem langen, spannenden Tag eine der absoluten Toptouren im Berchtesgadener Land zu Ende…

Die Schneelage hat sich mittlerweile geändert, sodass die Hochkalterüberschreitung momentan nicht möglich ist. Aber wer weiß, vielleicht gibt der Herbst ja ein letztes Stelldichein. Ansonsten müsst ihr euch mit einem Hochkalterbesuch bis zum nächsten Sommer gedulden.

Euer Jannis

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