Kultur

Mitten im Dorf

Der Gasthof Rieschen

Eine urige Wirtschaft in Freilassing – Salzberghofen.


Am Nebentisch der bayerische Stammtisch wie er leibt und lebt. Es geht gegen die SPD im Allgemeinen, im Speziellen gerade gegen Christian Ude. I bin ja a a SPDler, aber na wirklich, da wird’s dir ja schlecht! Der Huaba drunt in Niederbayern, von dem hört ma a gar nix mehr.

 

Männer, die ab 10 Uhr vormittags im Biergarten sitzen, immer am Tisch links neben der Tür. Alle bestellen Bier, einer Weißbier. Zwei weiß-blaue Wieninger-Fahnen wehen leicht im Sommerwind. Es wird „dischkriert“ wie zu Ludwig Thomas Zeiten, es wird politisiert, wie immer, wenn mehr als zwei Männer aufeinandertreffen.

Dann kommen die Fußball-Burschen, die in Trauben aus einem Lieferwagen mit Münchner Kennzeichen quellen. Von der Stadtsparkasse München gesponserte Trainingsanzüge in Hell- und Dunkelblau verschwinden im Gasthof, der viele Zimmer mit vielen Betten hat. Und das auch noch preiswert.

 

Auf der Dorfstraße ist immer etwas los. Vom Bauhof nebenan kommt ein orangefarbenes Fahrzeug zum Auspumpen von Sickergruben und überschwemmten Kellern, das ist am lautesten. Dazu passt die schwarze Aufschrift auf der Fahrzeugseite: „silent“. Und wenn grade kein Auto oder Notarztwagen über die Hauptstraße durch Salzberghofen braust, tuckert der Dieselmotor des Nachbarbulldogs im Zeitlupentempo aus dem Hof, auf dem Anhänger der Heckenschnitt, der zur Deponie muss.

 

Der Gasthof Rieschen ist eine Dorfwirtschaft, dessen Biergarten jeden Abend voll wird, ebenso die Gaststube mittags am Samstag- und Sonntagmittag. Sogar am Ruhetag, dem Mittwoch, gibt es Gäste, die reinwollen und ganz enttäuscht wieder weggehen.

Was ist das Geheimnis? Warum ist hier so viel los, während in anderen Dörfern die Wirtshäuser schließen? Einmal die wirklich gute und dabei ausgesprochen preiswerte Küche. Schon der Salat weist darauf hin, dass man sich hier Mühe gibt und keine Dose mit Maiskörnern aufmacht und über den Eissalat leert. Die Knoblauchsuppe wird besonders gelobt (aus Duftgründen nicht selbst probiert) und natürlich der Schweinebraten mit zweierlei Knödel, auch die Kässpatzen mit Zwiebeln oder die Tagliatelle mit Pfifferlingen. Von jedem Essen gibt es übrigens auch eine kleine Portion. Eine faire Sache zum fairen Preis.

 

Der zweite Teil des Geheimnisses ist vermutlich die Familie Moriggl, die Lokal und Hotel führt. Mama Moriggl, die sich für die Stammgäste Zeit nimmt und sich umsichtig und unaufdringlich um alle Gäste kümmert. Papa Moriggl, der meistens bei den Kartlern mit am Tisch sitzt. Sohn Rainer, der aufkocht, und Tochter Sabrina, die als Beiköchin, Zimmermädchen und Mädchen für alles mitarbeitet, wenn sie nicht gerade einen Thriller schreibt. Alles in allem: eine spannende Mischung!

Lisa Graf-Riemann ist in Passau geboren und lebt seit vielen Jahren in Marktschellenberg im Berchtesgadener Land. Sie schreibt Reisebücher, Lehrwerke und bisher 6 Kriminalromane: "Eine schöne Leich" (2010), "Donaugrab" (2011), "Eisprinzessin" (2013) und "Madame Merckx trinkt keinen Wein" (2015). Die Romane "Hirschgulasch" (2012) und "Rehragout" (2014), die auch im Berchtesgadener Land spielen, schrieb sie zusammen mit Ottmar Neuburger. Mit ihm verfasste sie auch die "111 Orte im Berchtesgadener Land, die man gesehen haben muss" (aktualisierte Neuauflage 2015). Alle Bücher sind im Emons Verlag in Köln erschienen. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt , findet man sie im Sommer wie im Winter in den heimischen Bergen, auf einem Klettersteig oder beim Schwimmen am Thumsee.

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