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Besondere Kurmusikprogramme

 von Fabian Wettinger
Christian Simonis in Kurmusik-Laune und Kommunikation mit dem Publikum

Christian Simonis in Kurmusik-Laune und Kommunikation mit dem Publikum

Christian Simonis beleuchtet Hintergründe einiger Jubiläums-Sonderthemen

Ein reichhaltiges Angebot an Highlights bieten die Bad Reichenhaller Philharmoniker in ihrem Jubiläumsjahr. Chefdirigent und künstlerischer Leiter Christian Simonis erläutert im Gespräch mit Elisabeth Aumiller ein paar markante Konzertschwerpunkte.

Herr Simonis, am 27. Januar gestalten Sie unter dem Titel „Jüdische Komponisten der Operette im Dritten Reich“ einen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und der Befreiung aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Wie kommt dieses Thema in Ihr Jubiläumsprogramm?

S.: Die Einbeziehung der Zeit des Naionalsozialismus gehört auch zu unserer 150-jährigen Geschichte. Jüdische Komponisten und Librettisten wurden damals verboten, ebenso alles, was mit Sinti und Roma und auch den Freimaurern zu tun hatte. Wir spielen in diesem Gedenkkonzert Werke von Jacques Offenbach, Emmerich Kálmán, Siegfried Translateur, Leon Jessel, Leo Fall, Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Strauß und Werner Richard Heymann. Das sind für uns heute selbstverständliche Namen. Es ist völlig normal, dass wir sie in unseren Konzerten spielen. Aber damals konnte das nicht stattfinden und das dokumentieren wir damit augenfällig. Vor der Musik von Johann Strauß allerdings mussten die Nazis kapitulieren. Strauß‘ Urgroßvater hatte zwar jüdische  Wurzeln, aber dagegen fand sich ein Mittel. Die Geburtsurkundevon Johann Strauß Sohn wurde gefälscht und mit diesem „Kunstgriff“ konnte er voll arisiert  werden.

Und wie kommt Mozart in diese Phalanx?
S.: Der 27. Januar ist Mozarts Geburtstag und er ist das Licht vor diesem betrüblichen Hintergrund. Aber immerhin ist die Zauberflöte stark vom Geist der Freimaurer durchweht und Mozart  selbst war auch Freimaurer, sodass er sich unter die damals Verfemten reiht. Aber wir wollen hier nicht auf Einzelschicksale der damals lebenden Komponisten und Librettisten eingehen. Nicht alle konnten rechtzeitig das Land verlassen. Aber einen Blick auf die Musik zu tun, die heute geliebt und oft gespielt wird und damals in der Versenkung verschwand, ist ein Grund zum Nachdenken, aber auch zur Freude und Dankbarkeit, dass wir sie heute so selbstverständlich genießen dürfen. Am 28. Januar gedenken wir im Rahmen musikalischer Schätze aus unserem Archiv weiterer vier Komponisten, die damals verboten waren: Franz Lachner, Ermanno Wolf-Ferrari, Joseph Suder und Mark Lothar.

Welche Schwerpunkte setzen Sie zum Thema 100 Jahre Freistaat Bayern und welche anderen Themen sind noch herausragend?

S.: Wir nehmen unser Jubiläum zum Anlass, zum Thema 100 Jahre Freistaat Bayern einen festlichen musikalischen Beitrag zu leisten in Form eines musikalischen Kaleidoskops mit 20 Konzerten auf das Jahr verteilt. Den Auftakt dazu machten die 1980 in Berlin uraufgeführten Visionen op.73 von Bertold Hummel bei unserem ersten philharmonischen Konzert dieses Jahres am 19. Januar. Hinweisen möchte ich auf das Porträtkonzert der Familie Hellmesberger am 4. Februar. Ebenso auf das Historische Kurkonzert am 18. Februar mit der Enthüllung der Büsten von Josef Gung’l, Gustav Paepke und Dr. Wilhelm Barth, die das Musikleben in Bad Reichenhall nachhhaltig geprägt haben. Großes Publikumsinteresse verdienen auch ganzjährig die sinfonischen Donnerstagskonzerte „Junge Künstler in der Philharmonie“ ebenso wie die diversen Kammerkonzerte unserer aus dem Orchester formierten Quartett-Ensembles.

Christian Simonis mit den Bad Reichenhaller Philharmonikern

Christian Simonis mit den Bad Reichenhaller Philharmonikern

Welche Bedeutung messen Sie den Kurkonzerten bei, für die Stadt und ganz allgemein?
S.: Für Bad Reichenhall müsste man sie zu einer Marke machen. Kurmusik gab es überall wo Kurorte entstanden und zur Hauptsaison der Kurbäder und zu bestimmten festgelegten Zeiten gepflegt wurden. Aber in der Reichhaltigkeit, Regelmäßigkeit und Qualität, wie wir sie ganzjährig mit unseren Philharmonikern anbieten, sind wir heute in der deutschen Bäderlandschaft die einzigen. Das gibt es sonst nirgends. Diese absolute Bad Reichenhaller Besonderheit zeigt sich auch in der stilistischen Vielfalt aus Kammermusik, Sinfoniekonzerten, Operette, Musical und Filmmusik. Es kommt dabei auf die richtige Proportion in der Mischung an, auf den Wechsel von allseits beliebten Stücken mit unbekannten Werken. Das Kurkonzert hatte und hat eine ganz bewusst heilende Aufgabe: ist Anregung für den Geist, wirkt belebend auf den Kreislauf und gleichzeitig wohltuend für das Gemüt. Die Menschen kamen in die Kurorte und kommen zu den heutigen Wellnessangeboten, um zu gesunden oder zur Verbesserung des Gesundheitszustandes sowie zum Abbau des Alltagsstresses. Sie möchten „zur Ruhe“ kommen. In der Kurmusikform mit der größtmöglichen Abwechslung der Werke erreicht man viele Menschen mit ihren unterschiedlichen musikalischen Bedürfnissen. Die Zäsuren zwischen den Stücken und die große Pause dienen zum „Ausatmen“, zur emotionalen Verarbeitung des Gehörten, aber auch zum Einstimmen auf das nächste Werk.

Zeichnet sich eine Renaissance für die Werke von Josef Gung’l ab?
S.: Ja eine kleine Renaissance wird es geben. Die deutsche und die britische Johann-Strauß- Gesellschaft zeigen großes Interesse. Wer sich mit Johann Strauß beschäftigt, wird sich auch mit Gung’l befassen.

2 Kommentare

24. Januar 2018um12:03 von Elisabeth Trautwein-Heymann

Als Tochter des Komponisten Werner Richard Heymann freue ich mich, dass mein Vater bei diesem Anlass erklingen wird. Male Tov

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18. März 2018um22:09 von Stefan David Hummel

Das Orchesterwerk „Visionen“ von meinem Vater Bertold Hummel wurden in ganz hervorragender Weise im Januar zur Aufführung gebracht. Eni fantastisches Orchester voller Energie und tollem Dirigienten! BRAVO!

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