Ausflugstipps

Wie ich drei Stück Käse…

… auf der Kallbrunnalm kaufte, aber nur zwei mit nach Hause brachte.

 

 

Letzten Freitag stand ich früh auf, fuhr nach Weißbach, stellte das Auto in Pürzlbach ab und stieg auf zur Kallbrunnalm. Da war ich vorher noch nie. Über mir Nebelschwaden, Bergspitzen schauten einmal kurz heraus, der weiße Ball in einem Stück klaren Himmel war der Mond. Ein Wasserfall. Als ich auf die Alm komme, gehe ich mitten hinein in den Nebel. Es ist wie in einer großen Meereswelle. Wo ist hier unten und oben? Menschen verschwinden im Nebel, ein Jeep steht da, eine Frau steigt gerade ein. Ich frage sie, wo es auf den Hochkranz geht, sie nimmt mich ein Stück mit, zeigt mir den Weg hinauf. Oberhalb der letzten Almhütte liegt der Nebel unter mir. Der Himmel ist klar, die Sonne scheint. Ich erkenne drüben im Steinernen Meer das Ingolstädter Haus, Hundstod, Kammerlinghorn, da unten, das muss der Hirschbichl sein. Hinter dem Kühkranz steige ich über einen Viehzaun. Schafe rennen auf mich zu, als hätten sie auf mich gewartet. Ein Widder ist dabei, ein paar Ziegen. Ihr struppiges Fell streift meine Beine. Über einen versicherten Steig erreiche ich den Hochkranz. Einer ist schon vor mir da, bittet mich, ein Foto von ihm unterm Gipfelkreuz zu machen. Ich mache Pause. Es ist warm, aber es bläst ein kühler Wind.

 

 

Beim Abstieg kreist ein großer Vogel über mir. Als er näher kommt, sehe ich, es ist ein Gänsegeier. Ob ich Schafe gesehen hätte, fragen mich Entgegenkommende. Und wie viele. 80 sagen sie, seien oben und müssten jetzt ins Tal getrieben, zuerst einmal gefunden werden. Ich kaufe drei Stück Käse im Kaskeller, folge dem Wegweiser Pürzlbach. Jetzt erst sehe ich die Alm mit ihren vielen Kasern. Ein Tandem-Mountainbike saust an mir vorbei. Beim Aufstieg habe ich gar nichts gesehen, war wie ein Blinder im Nebel. Je weiter ich absteige, desto unbekannter kommt mir der Weg vor. Müsste jetzt nicht bald der Wasserfall kommen? Nach 8 Stunden bin ich wieder am Parkplatz, mein linkes Knie ist trotz Bandage schwer beleidigt. Ich merke, das ist nicht der Parkplatz, auf dem mein Auto steht. Wo bin ich? In Pürzlbach. Wo ist mein Auto? In Hintertal. Mein Knie sagt: Ende der Wanderung. Ein Ehepaar aus Grödig fährt mich nach Hintertal. Sie haben keinen Käse auf der Alm gekauft, der Weg zum Kaskeller war ihnen zu weit. Sie haben es nur bis zur Jausenstation geschafft. Na dann: Drei minus eins ergibt immer noch zwei. Das Knie sagt dankeschön und ich auch.

 

Lisa Graf-Riemann ist in Passau geboren und lebt seit vielen Jahren in Marktschellenberg im Berchtesgadener Land. Sie schreibt Reisebücher, Lehrwerke und bisher 6 Kriminalromane: "Eine schöne Leich" (2010), "Donaugrab" (2011), "Eisprinzessin" (2013) und "Madame Merckx trinkt keinen Wein" (2015). Die Romane "Hirschgulasch" (2012) und "Rehragout" (2014), die auch im Berchtesgadener Land spielen, schrieb sie zusammen mit Ottmar Neuburger. Mit ihm verfasste sie auch die "111 Orte im Berchtesgadener Land, die man gesehen haben muss" (aktualisierte Neuauflage 2015). Alle Bücher sind im Emons Verlag in Köln erschienen. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt , findet man sie im Sommer wie im Winter in den heimischen Bergen, auf einem Klettersteig oder beim Schwimmen am Thumsee.

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