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Sonderzug

– nicht nach Pankow, sondern in den Salzheilstollen Berchtesgaden.

 

Speläotherapie, Höhlentherapie, das klingt erstmal eng und ein wenig beklemmend, nach engem Zugang, Rebirthing – aber der Heilstollen ist ganz anders. Obwohl man mehr als 800 Meter ins Berginnere einfährt, ist der Salzhimmel im Stollen weit, man fühlt sich geborgen, und kein bisschen eingeengt. Und in der Stille und innerhalb der grau-braunen Felsen, die einen umgeben wie ein Zaun ein Grundstück umgibt oder eine Weißdornhecke einen Acker, versinkt man in sich selbst und merkt auf einmal, in welcher Fülle man oberirdisch lebt. Man sieht am salzigen Felshimmel, der aussieht wie von tausend rauen Kuhzungen abgeleckt, grüne Almwiesen, schneeüberzuckerte Bergspitzen, weiße Wildbäche, sogar Eiskugeln, die ein geschulter Arm mit dem Löffel aus einer Schüssel dreht: Pfefferminze mit Schokostückchen, ja, genau, man spürt es auf der Zunge zergehen: ein Leben in Fülle.

 

Salzheilstollen Berchtesgaden

 

Schon allein wegen dieser sinnlichen Vision der Wirklichkeit lohnte sich die Einfahrt. Dass man mehrstimmigen Obertongesang aus einer einzigen Männerkehle noch dazu hören kann, eine schluchzende Klarinette wie von Giora Feidman und dazu noch ein seltsames, nanu, Allahu akbar – Allah ist groß? Man nimmt alles hin und spürt einen großen Frieden und große Toleranz in sich. Manche schlafen, andere sind hellwach, an der Grenze zu einer selten erreichten Stufe des Bewusstseins. Heilstollen: Ich glaube, das ist für jeden etwas anderes, ein ganz individuelles Erlebnis. Auf jeden Fall die Möglichkeit einer Begegnung mit sich selbst und – paradox in der Eingeschlossenheit – auch mit der oberirdischen Welt. Ein heilsamer Perspektivenwechsel.
Salzheilstollen Berchtesgaden
Fazit: Man kann auch in den Heilstollen einfahren, wenn man gesund ist, und man hat was davon: Runterkommen, Stille, Besinnung und, wenn man Glück hat, Klangerlebnisse der ganz besonderen Art.

 

Weitere Informationen: www.salzheilstollen.com
Künstler: www. paulfreh.com (Obertongesang, Klarinette u.a. Instrumente)

 

Lisa Graf-Riemann ist in Passau geboren und lebt seit vielen Jahren in Marktschellenberg im Berchtesgadener Land. Sie schreibt Reisebücher, Lehrwerke und bisher 6 Kriminalromane: "Eine schöne Leich" (2010), "Donaugrab" (2011), "Eisprinzessin" (2013) und "Madame Merckx trinkt keinen Wein" (2015). Die Romane "Hirschgulasch" (2012) und "Rehragout" (2014), die auch im Berchtesgadener Land spielen, schrieb sie zusammen mit Ottmar Neuburger. Mit ihm verfasste sie auch die "111 Orte im Berchtesgadener Land, die man gesehen haben muss" (aktualisierte Neuauflage 2015). Alle Bücher sind im Emons Verlag in Köln erschienen. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt , findet man sie im Sommer wie im Winter in den heimischen Bergen, auf einem Klettersteig oder beim Schwimmen am Thumsee.

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