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Es fühlt sich an wie Winteranfang,

 

dabei haben wir Ende Januar. Weil der Schnee heuer so spät kommt, haben wir dieses merkwürdige Gefühl der Zeitverschiebung. Deshalb bin ich diesen Winter auch so spät dran mit meiner ersten kleinen Skitour. Den Götschen hinauf soll es gehen. Bis kurz unter den Gipfel geht man immer am Rand der Piste, erst das letzte Stück führt durch den Wald.

 

Der Schnee ist wunderbar weich, die Piste voller junger Männer in Tarnanzügen, auf schmucklosen weißen Skiern in Einheitsdesign. Bundeswehrlook. “Runter mit dem Gesäß in der Kurve” lernen sie, während sie breitbeinig den Hang hinunterpflügen.

 

Die Verfolgung durch andere Tourengeher dauert meistens nicht sehr lang. Man hört sie kurz hinter sich schnaufen, und schon sind sie vorbeigezogen. Bei manchen zischt es wie bei der Vorbeifahrt eines D-Zuges, andere ziehen ohne Murren einen Kinderanhänger auf Kufen hinter sich her, immer schön bergauf. Für sie ist es Training – während wir eher die Genussgänger sind.

 

Nach circa 15 Minuten Aufstieg in unserem mäßigen Tempo, kommt ein Mann mit runder Brille von oben heruntergefahren. Moment, den kenne ich doch! Der ist doch gerade losgegangen mit seinen Tourenskiern, als wir am Parkplatz angekommen sind. Wieso fährt der jetzt schon von oben runter? Weitere zehn Minuten später zieht derselbe Brillenträger wieder an uns vorbei, diesmal bergauf. “Gehst du jetzt schon das zweite Mal rauf?” Großes Abwiegeln: “Na, i geh eh nicht bis ganz nauf!” Zisch, weg ist er.

 

In Berchtesgaden ist es ja so: Wenn du erzählst, dass du auf dem Götschen gewesen bist, lautet  die prompte Frage: “Wie lang hast du denn gebraucht?” Und dann hast du als Genussgeher ein echtes Problem. Denn selbst wenn ich lügen und behaupten würde, ich sei in einer Stunde oben gewesen (nein, leider nicht), dann würde ich hören: “Die Gerti/Gundi/Kathi/xy geht das in 50 Minuten – aber von unten!” D. h. vom Bahnhof Bischofswiesen, nicht von der Liftstation weg. Also lieber gleich so: “Du, wir waren gestern aufm Götschen. Lang haben wir gebraucht, aber schee war’s!”

 

Live-Webcam, Pistenverhältnisse am Götschen gibt es hier.

Lisa Graf-Riemann ist in Passau geboren und lebt seit vielen Jahren in Marktschellenberg im Berchtesgadener Land. Sie schreibt Reisebücher, Lehrwerke und bisher 6 Kriminalromane: "Eine schöne Leich" (2010), "Donaugrab" (2011), "Eisprinzessin" (2013) und "Madame Merckx trinkt keinen Wein" (2015). Die Romane "Hirschgulasch" (2012) und "Rehragout" (2014), die auch im Berchtesgadener Land spielen, schrieb sie zusammen mit Ottmar Neuburger. Mit ihm verfasste sie auch die "111 Orte im Berchtesgadener Land, die man gesehen haben muss" (aktualisierte Neuauflage 2015). Alle Bücher sind im Emons Verlag in Köln erschienen. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt , findet man sie im Sommer wie im Winter in den heimischen Bergen, auf einem Klettersteig oder beim Schwimmen am Thumsee.

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