Kultur

Wo kommt er her, der Maibaum?

1. Mai 2019, 6h in aller Herrgottsfrüh. „D’Waldstoana“ treffen sich im Morgengrauen unterhalb vom Gasthof Vorderbrand. Der Wald hier gehört dem Laxerer vom Faselsberg und der hat in diesem Jahr eine stramme Fichte für’s Maibaumstellen im Gasthaus Waldstein spendiert.

Die 30 jungen Männer sind dem Ruf vom Grafebauern gefolgt. Sebastian Lenz, kurz „da Wasti“, und viele seiner Spezl, alle im vollen Saft,  kümmern sich seit 13 Jahren darum, dass das beliebte Brauchtum des Maibaumaufstellens und –kraxelns in ihrer Heimatgemeinde überlebt. Damals hatte die letzte verbliebene Gastwirtschaft die aufwändigen Vorbereitungsarbeiten aufgegeben. Das konnte so nicht stehen bleiben.

Auf dem Weg zum Baum habe ich kurz Gelegenheit, mit dem Maibaumchef zu sprechen. „Wir, die Waldstoana, sind kein Verein. Sondern einfach Königsseer und Schönauer mit einer Tracht, die anpacken wollen.“ Auf Nachfrage bestätigt Wasti meine Vermutung: Damit sind selbstverständlich Männer gemeint. Und schon beginnt die Arbeit, die neben Muskelkraft und handwerklichem Geschick in den nächsten Stunden die volle Aufmerksamkeit aller Beteiligten erfordert.

Nur Axt und Wellsäge brauchen die Männer, um den etwa 30 Meter hohen Prachtkerl zu fällen. Schneidig und mit Feingefühl legt der Laxerer jun. zusammen mit seinem Nachbarn, dem Spinnerer Micherl, los. Und schließlich gibt der Baum mit einem sanften Brechen nach.

Julian, der Sohn vom Wasti beobachtet den Fall gebannt. Still und geduldig wird er das Geschehen verfolgen, bis der Baum später wieder in der Senkrechten steht. Wir dürfen also hoffnungsvoll sein, dass die Zukunft des Maibaums in unserer Gemeinde auch in Zukunft gesichert ist.  

Der Baum wird mit einer Seilwinde und dem Steyr hinunter auf die Vorderbrandstraße gezogen, wo nun endlich alle mitanpacken können beim Schepsen.

Damit die Burschen bei Kräften bleiben, sorgt der Laxerer für einen Schluck Berchtesgadener Bier. Nur Julian hat keine Zeit für derlei Ablenkung, geschickt kümmert er sich mit dem dem Roafmesser um die Feinarbeit.

Denn keine Rinde darf zurückbleiben, und nach knapp einer halben Stunde ist der Stamm glatt und glänzend. Auch das habe ich gelernt: Wird der Baum bereits einige Zeit vor dem 1. Mai geschlagen, hat der Stamm weniger Gewicht, ist also leichter zu transportieren. Ein frisch geschlagener Baum dagegen hat den Vorteil, dass er noch ein wenig pickt, also für die Kraxler mehr Grip bietet.

Jetzt ist eine kleine Pause mehr als willkommen. Beim Hoanzei gibt Gabi eine Runde aus. Im Tal liegt noch der Nebel, doch der Blick in den blauen Himmel verspricht nach mehreren Tagen Regen das perfekte Wetter für den vor uns liegenden Feiertag.

Die Vorderbrandstraße ist durchaus eine Herausforderung, wenn ein so langer Stamm befördert werden soll.

Erst an der letzten Kurve vor dem Höllgraben werden sie plötzlich stutzig.

Vor ihnen stehen der Königlich Bayerische Zolleinnehmer und der Fürstpröbstliche Gemeindecommissär Berchtesgadens. Daran hatten niemand gedacht: Der Transportweg führt über fremdes Territorium, folgerichtig muss Wegezoll entrichtet werden.

Das geforderte 30-Liter-Bierfass wird zähneknirschend übernommen und daraufhin das offizielle Transitwiesum gewährt.

Anschließend wird die letzte enge Kurve zur Weiterfahrt freigegeben, wenige Meter später schließt sich der Prachtwagen vom Hofbräuhaus Berchtesgaden dem Zug an.

Das Juchezen auf den letzten Metern konnte ich leider nicht bildlich festhalten, aber es ist auch so deutlich zu sehen: Die Stimmung steigt.

Und dann folgt die bereits bekannte Prozedur: Zuerst wird dem Stamm die vorbereitete Spitze angepasst – jetzt misst der Maibaum stolze 32 Meter – und dann geht es ans Aufrichten. Alle folgen den energischen Anweisungen des Maibaumchefs Wasti.

Gut eineinhalb Stunden dauert es, bis Wasti und seine Männer endlich aufatmen können: Der Prachtkerl steht in der Senkrechten.

Vom Wirt bekommt jeder 2 Maß Bier und eine Brotzeit. Als Anerkennung für die Anstrengung und den erheblichen Zeitaufwand. Mit dem Maibaumkraxeln, das auch von den Waldstoanern organisiert und versicherungstechnisch abgedeckt werden muss, geht es in den Nachmittag. Ich sitze derweil müde auf meinem Balkon, die Musikanten unten beim Waldstein höre ich deutlich, ab und zu werfe ich einen Blick hinunter. Ja, unser Brauchtum ist lebendig und fröhlich.

Ein herzliches Vergelt’s Gott an Wasti, Hansi, Micherl, Xaver, Sepperl, Julian, Lenzi, Andreas, Johannes und die vielen anderen, die tatkräftig mitanpacken, damit wir jeden ersten Mai so zünftig und fröhlich feiern können. Eure Ursula

Teil 2 beim Jobsharing der Pressestelle. Ich verstehe mich als berchtesgadnerische Königsseerin – oder umgekehrt. Im Berchtesgadener Land entdecke ich immer wieder Neues oder genieße Altbekanntes. Egal ob in einer zünftigen Wirtschaft, oben am Berg, an einem eiskalten Gebirgsbacherl oder bei kulturellen Experimenten. Und alles, was ich kenne und schätze, das vermittle ich mit Enthusiasmus an Journalisten und andere, die es hören oder lesen wollen. Bis auf ein paar wenige echte Geheimtipps :)

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