Alpenstadt

Mit Johannes Lang im ReichenhallMuseum

Seit November ist das neue ReichenhallMuseum geöffnet. Ich habe gestern die Möglichkeit genutzt, mit Stadtarchivar und Stadtheimatpfleger Dr. Johannes Lang das Museum zu besichtigen.

Das ReichenhallMuseum ist keine Ausstellung in einem Gebäude, das Gebäude selbst ist elementarer Teil des Gesamtkonzepts: Die dicken Mauern erzählen schon die Geschichte der Stadt.

Das ReichenhallMuseum im historische Getreidekasten

In der Eingangshalle des Museums, wo wir stehen, verläuft vor Jahrhunderten eine schmale Gasse, flankiert von Bürgerhäusern. 1497 errichtet die Stadt an dieser Stelle einen Getreidekasten. Mehrere Gebäude werden vom renommierten Architekten Christian Inzinger zum sogenannten Salinenkasten zusammengefasst. Im Lauf der Jahrhunderte wird das Gebäude erweitert und verfügt Mitte des 16. Jahrhunderts über fünf Getreideböden mit einer Lagerkapazität von 2600 Scheffel. Das entspricht etwa 5800 Hektoliter. An Lichtmess (2. Februar) wird den Holzknechten der Saline hier die Hälfte Ihres Lohns in Form von Getreide ausbezahlt. Ein 1768 neu errichteter Dachstuhl wird wie große Teile des Gebäudes ein Raub der Flammen des großen Stadtbrands 1834.

In der Eingangshalle

Nach der Wiederherstellung wurde der Salinenkasten vom städtischen Bauhof genutzt. Um den kommunalen Unimog unterzubringen, werden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwei tragende Balken der Deckenkonstruktion ausgeschnitten. Im Laufe der Sanierung des Gebäudes werden diese Wunden nicht beseitigt, sondern integriert. Massive Eisenträger stützen die Zwischendecke, die historischen Holzbacken aus Eiche zeigen stolz ihre Narben.

Im Folgenden möchte ich Euch ein paar Exponate vorstellen, die mich am meisten beeindruckt haben. Eines davon finde ich gleich im nächsten Raum unseres Rundgangs: Hier zeigt uns Dr. Lang eines der imposantesten Exponate der Ausstellung: Einen mächtige Schmiedehammer!

Schmiedehammer

Bis zum 19. Jahrhundert gab es in und um Reichenhall mehrere von Wasserkraft betriebene Hammerschmieden. Ein Modell zeigt, wie der Schmiedehammer funktioniert: Ein Wasserrad treibt eine Welle an, deren Nocken den schweren Hammer auf und ab bewegen. Der Hammer schlägt so auf den darunter stehenden Amboss. Auf diese Weise entstehen die Werkstücke, die in der Saline gebraucht werden, hauptsächlich Nägel, Nieten, Stangen und Ketten.

Ein schmaler Gang führt uns zu meinem Lieblingsexponat: Die Überreste des Kranzwieser-Kasers, ein Rundumkaser der früher auf der Dalsenalm im Lattengebirge stand, wurden im Museum wiederaufgebaut.

Die wiederaufgebauten Überreste des Rundumkasers

Das Besondere dieser Bauform ist, dass die Sennerin das mittig gelegene Kasstöckl bewohnt, einen einfachen Blockbau. Feuerstelle, Arbeits-, Ess-, Wohn- und Schlafbereich befinden sich auf engstem Raum im Zentrum des Kasers. Rundum zog man das Vordach nach außen und schafft so einen Unterstand für die Kühe. Die Installation vermittelt einen guten Eindruck vom kargen Leben der Sennerinnen auf der Alm.

Die offene Feuerstellle im Rundumkaser

Dr. Lang erklärt auch, warum bei uns – wie im gesamten Bereich der Ostalpen – hauptsächlich Frauen als Sennerin die Almen bewirtschaften, während in der Schweiz die Almbewirtschaftung in Form des Senns Männersache ist. Nach dem Studium mehrere historischer Quellen kommt der Historiker zu dem Schluss, dass Frauen einfach produktiver sind: Männer würden sich in der spärlichen freien Zeit die Pfeife stopfen und ruhen, während Frauen stricken und kochen.

Als letzten Raum im Erdgeschoss zeigt uns Dr. Lang den multifunktionalen Ausstellungsraum. Hier werden zukünftig Sonderausstellungen und Veranstaltungen stattfinden. Das Besondere ist, das große Teile der Wand steinsichtig belassen wurden. Deutlich kann man die baulichen Veränderungen des Gebäudes nachvollziehen. Es sind Bogenansätze von Eingängen und zugemauerte Fensterlaibungen erkennbar, verschiedene Putze und Brandspuren zeugen von der langen Geschichte des Baus. Die geringe Höhe der einstigen Türen und das Niveau der Fensterbrüstungen erklärt sich aus dem Anwachsen des Straßenniveaus. Im 14. Jahrhundert lag die Straße einen halben Meter tiefer. In Folge mehrerer katastrophaler Brände wurde auf dem Schutt der zerstörten Gebäude gebaut.

Steinsichtige Wände im ReichenhallMuseum

Weiter geht`s im Obergeschoss. Hier führt uns Dr. Lang durch die Geschichte der Stadt Bad Reichenhall.

Dr. Lang führt uns durch das Museum

Multimedial aufbereitet mit extra zweisprachig eingesprochenen Audiokommentaren, Touchscreens und Filmen wird die Geschichte Reichenhalls lebendig. Dazu zahlreiche Exponate aus mehreren Jahrhunderten Stadtgeschichte.

Ein modernes Museum….
…mit klassischen Exponaten
Auch in Reichenhall herrschte nicht immer Frieden

Natürlich fehlt auch das Reichenhaller Markensalz nicht.

Bad Reichenhaller Markensalz

Mit geradezu enzyklopädischem Wissen erläutert uns Dr. Lang die einzelnen Stationen. Besonders gefallen hat mir die die Geschichte von Elias Canetti. Mathilde Canetti, die von Selbstmordgedanken geplagte Mutter des späteren Literatur-Nobelpreisträgers, war Stammgast in Bad Reichenhall. In seiner Autobiographie „Die gerettete Zunge“ schreibt Elias Canetti über die Reichenhall Aufenthalte seiner Mutter: „…so intim und persönlich wie Nonn war nichts, das war ihr Ort…Wenn sie auf dem winzigen Kirchhof stand und wieder einmal ihren Wunsch äußerte, spürte ich, dass es ihr besserging.“ Intim war aber nicht nur Mutter Canetti Beziehung zum Reichenhaller Stadtteil Nonn, sondern wohl auch zu ihrem Kurarzt. So zumindest vermittelt es ein in die Ausstellung projizierter, extra produzierter Film. Ob es tatsächlich die mutmaßliche Affäre seiner Frau war, die Jacques Canetti in den Suizid trieb ist nicht belegt…

Lieber Herr Dr. Lang: Vielen Dank für die hochinteressante Führung, ich habe viel gelernt.

Das ReichenhallMuseum ist bis 14. April immer von Freitag bis Sonntag von 10:30 bis 16 Uhr geöffnet, ab 15. April dann immer von Mittwoch bis Sonntag.

Euer Sepp

Mein Name ist Sepp Wurm und ich bin seit Sommer 2010 bei der Berchtesgadener Land Tourismus. Als Social Media Enthusiast kümmere ich mich neben diversen anderen Kanälen auch um das BerchtesgadenerLandBlog. Schwerpunkt meiner Blogbeiträge sind Berichte über meine Wanderungen und Bergtouren im Sommer, sowie über Skitouren im Winter. Meine Leidenschaft für die Berge bringe ich gerne in unseren Blog mit ein. Als waschechter Ramsauer „Bergbauernbua“ liegen mir zudem unsere Heimat und ihre Traditionen und Bräuche natürlich besonders am Herzen. Ich hoffe, diese Liebe zu unserem schönen Berchtesgadener Land spiegelt sich auch in meinen Blogbeiträgen wider.

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