Berge

Der älteste Bergführerverein Deutschlands

140 Jahre Berchtesgadener Bergführer

Am 6. Juni 1881 gelingt es zwei Bergsteigern, die Watzmann Ostwand das erste Mal zu durchsteigen. Im gleichen Jahr wird der erste Bergführerverein in Berchtesgaden gegründet. Zwei Ereignisse, die eng miteinander verknüpft sind, denn ohne das eine hätte es das andere vielleicht lange nicht gegeben. Die Berchtesgadener Bergführer feiern in diesem Jahr ihr 140jähriges Jubiläum.

Johann Grill aus der Ramsau ist einer der beiden Bergsteiger, die am Erstbegehungstag nach 14 Stunden am Gipfel ankommen. Kederbacher nennen sie ihn, nach dem Namen des Hofes, von dem er kommt. Gemeinsam mit dem Wiener Otto Schück bewältigt er an diesem Tag im Juni 1881 die längste Wand der Ostalpen am Watzmann. Mit seinen 46 Jahren gehört der Kederbacher zu den erfahrensten Bergsteigern in der Region. Sein Name geht übrigens neben der Erstbegehung der Watzmann Ostwand noch ein zweites Mal in die Geschichtsbücher des Alpinismus ein: Johann Grill ist der erste offizielle deutsche Bergführer, noch vor der Gründung des ersten Bergführervereins.

1881 ist es dann soweit: Johann Grill und zwanzig weitere Bergführer schließen sich offiziell zum Berchtesgadener Bergführerverein zusammen. Zehn stammen aus der Ramsau, elf aus Königssee. Michael Grassl, langjähriges Mitglied der Berchtesgadener Bergführer, erzählt: „Die Ramsauer haben deutschlandweit die höchste Bergführerdichte auf die Einwohnerzahl gerechnet. Und darauf sind sie zu Recht stolz.“

Fahnenweihe des Bergführer Vereins Berchtesgaden im Jahr 1907

Wie entstand der Beruf des Bergführers?

Zu den Hofjagden heuern die Jäger in den Alpenregionen Treiber an, die das Wild von den Bergen ins Tal hetzen. Geländegängige, ortskundige und konditionsstarke Naturburschen sind das. Gleichzeitig beginnt die touristische Erschließung der Alpen. Die Erstbesteigung des Matterhorns gilt als Initialzündung und vor allem Briten wenden sich an ortsansässige und bergkundige Männer, um mit diesen die mächtigen Gipfel in den Alpen zu erklimmen. Mit den Jahren entwickelt sich daraus vom Träger der Ausrüstung der Beruf des Bergführers. Bis in die 1960er Jahre erteilt das Bezirksamt Berchtesgaden den Bergführern Autorisierungen zur Gästeführung – natürlich müssen sich die Anwärter zunächst als Begleiter bewähren. Das Amt verpflichtet die Bergführer, ein sogenanntes „Bergführer-Buch“ zu führen. In dieses trägt der Gast nach der Tour seine Eindrücke und die Beurteilung des Bergführers ein – quasi ein Vorläufer der heutigen Bewertungsportale im Internet!  

Die Liste aller Bergführer hängt damals beim Gasthaus Neuhaus in Berchtesgaden aus. Der Beruf hat ein sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung und die Verdienstmöglichkeiten liegen deutlich über dem Durchschnitt. So verdient der Kederbacher mit drei Touren das Geld für seinen Hausbau. Gleichzeitig müssen sich die Bergführer auch im Alltag als verlässliche, verantwortungsbewusste Bürger bewähren. So passiert es tatsächlich, dass einem Bergführer wegen „Vielweiberei“ die Autorisierung zur Gästeführung entzogen wird, weiß Michael Grassl zu erzählen.

Berg- und Skiführer in den Alpen – unter maßgeblicher Beteiligung der Berchtesgadener Bergführer

1968 erfolgt die Gründung des Verbands der Deutschen Berg- und Skiführer (VDBS) auf Initiative des Berchtesgadener Bergführers Franz Rasp. Damit einher geht die Schaffung von Ausbildungsrichtlinien und die Autorisierung durch Bezirksämter gehört der Vergangenheit an. Franz Rasp, von 1974 bis 1985 Präsident des VBDS, sorgt 1972 dafür, dass für alle Bergführer in Deutschland eine staatliche Prüfung zur Gästeführung verpflichtend wird. Heute sind alle Berchtesgadener Bergführer staatlich geprüft. Sie haben eine langjährige und überaus anspruchsvolle Berufsausbildung durchlaufen und stehen für sicherheits- und verantwortungsbewusste Führungen und Veranstaltungen. So auch Paul Lenk, einer der längst gedienten Mitglieder der Berchtesgadener Bergführer, macht 1968 zunächst seine Ausbildung zum Heeresbergführer beim Bundesgrenzschutz am Kührointhaus. Hier lernt man das Bergsteigen bei der Ausbildung. Da Heeresbergführer außerhalb Deutschlands nicht kommerziell führen dürfen, durchläuft er noch die Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer. In den 1970er Jahren liegt der Schwerpunkt auf den bergsteigerischen Fähigkeiten. Die Gewichtung hat sich mittlerweile verschoben: Vor allem die Kondition der Bergführer steht zunehmend im Mittelpunkt. „Die muss natürlich besser sein, als die des Gastes, denn die sind mittlerweile auch fitter als sie es früher waren“, begründet Paul Lenk diese Entwicklung.

In der über fünfzigjährigen Geschichte des VDBS stehen dreimal Berchtesgadener Bergführer als Präsidenten an der Spitze des Verbands: Franz Rasp, der Pidinger Peter Geyer von 1993 bis 2005 und Michael Grassl von 2005 bis 2011. Peter Geyer wird von den nationalen und internationalen Bergführerkollegen in hohem Maße anerkannt: 1999 bis 2002 ist er Vizepräsident des internationalen Berg- und Skiführerverbands, 2002 bis 2005 schließlich Präsident. In dieser Zeit setzt er sich für die Schaffung internationaler Standards und die Verbesserung des Risikomanagements ein. Vierzig Jahre lang fungiert er außerdem als Ausbilder und Ausbildungsleiter.

Die Berchtesgadener Bergführer im Laufe der Jahre

Die erste Bergführerverordnung stammt aus dem Jahr 1870. Schon vor der Gründung des Vereins treffen sich die Bergführer zu Preisabsprachen der einzelnen Touren. Regelmäßige Stammtische werden über die Jahrzehnte ausgerichtet, bei denen die Berchtesgadener Bergführer einen Obmann aus den eigenen Reihen bestimmen und die Tarife für die Touren festlegen. „So wurde das seit eh und je gehandhabt“, erklärt Michael Grassl, „und die Berchtesgadener Bergführer halten sich auch heute noch an diese Vereinbarungen“. Er stellt einen weiteren Trend der heutigen Zeit fest: „Die Nachfrage nach Klettersteigen ist ziemlich stark gestiegen.“ Michael Grassl hat für die Kletterer in der Region einige Klettersteige erbaut. Zu den beliebtesten zählen der Klettersteig am Jenner und Grünstein. Letztgenannter ist der mit Abstand am meisten besuchte, geschätzt bis zu 20.000 Gäste durchsteigen diesen jährlich.

Nicht alle Obmänner in der Geschichte der Berchtesgadener Bergführer sind bekannt. Hubert Nagl, Obmann von 2010 bis 2013, findet in den Aufzeichnungen seines verstorbenen Vorgängers Ulrich Stöckl aber dennoch einige Namen: Der erste ist der Kederbacher Johann Grill. Seine polizeilich anerkannte Eignung zum Bergführer erlangt er übrigens dadurch, dass er zwei Jahre eine Hütte versorgt hat. Hellmut Schuster führt das Amt von 1929 bis 1966. 1974 bis 1985 übernimmt Franz Rasp die Obmannschaft. Ihm folgt Roland Bannert und später Dirk Brandner. Danach gibt es wieder genaue Aufzeichnungen: Ulrich Stöckl ist von 2004 bis 2010 Obmann. Seit 2013 steht Korbinian Rieser dem Verein als „Vorstand“ vor, wie es nun statt „Obmann“ heißen soll.

In den vergangenen Jahrzehnten sticht Franz Rasp durch seine Watzmann-Ostwand-Besteigungen hervor. Bis zu seinem Tod im Januar 1988 erklimmt er diese 298 Mal. Den aktuellen Rekord hält Heinz Zembsch, der „König der Ostwand“, mit 400 Durchsteigungen. „Der Zembsch Heinz und ich haben uns gerne bei unseren Gästeführungen durch die Ostwand zusammengetan,“ erzählt Michael Grassl, „und das hat sich einmal so richtig ausgezahlt. Bei einer Führung in den 1990er Jahren hat er mir schon von weitem angesehen, dass ich mit meinem Gast gar nicht zurechtkomme. Der wusste immer alles besser und die Chemie zwischen uns beiden hat halt leider gar nicht gepasst. In der Biwakschachtel haben der Heinz und ich dann kurzerhand unsere Gäste getauscht und dem Gipfelerfolg stand nichts mehr im Weg.

In den letzten Jahren versuchen immer mehr Bergsteiger, die Ostwand ohne Führung zu durchsteigen. Allerdings weiß Michael Grassl: „Die Apps und die damit verbundene Navigation suggerieren eine sichere Begehung der Ostwand. Allerdings funktioniert das GPS nicht einwandfrei in der Wand und wer auch nur zwanzig Meter von der angezeigten Route abweicht, landet schnell in sehr steilem Gelände. Das passiert bei einer geführten Tour natürlich nicht.“  Johann Grill würde wohl große Augen machen, könnte er im Bergsteigerhimmel erfahren, wie viele Menschen heutzutage jährlich durch die Bänder der Ostwand klettern. Und sich wünschen, dass mehr Menschen die Tour mit einem Bergführer planten – ein Garant für ein Bergerlebnis ohne böse Überraschungen.

Dankeschön!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Paul Lenk, Michael Grassl und Hubert Nagl. Die drei Berchtesgadener Bergführer haben sich viel Zeit für mich genommen und mich meine neugierige Nase in ihre persönlichen Aufzeichnungen und Archive stecken lassen. Mit ihren Geschichten und Anekdoten ließen sich so einige Romane schreiben, das spränge aber hier den Rahmen. Ich hoffe dennoch, ich konnte Euch mit meinem Beitrag einen spannenden Einblick in die Geschichte der Berchtesgadener Bergführer bieten. In den nächsten Monaten stellen wir Euch Bergführer aus der Region vor und lassen sie einige spannende Geschichten erzählen.

Eure Christina

Ich bin neu hier. Und das sogar im doppelten Wortsinn. Als Zugereiste und Wiedereinsteigerin im Tourismus komme ich mit dem neugieren Blick von außen. Die Menschen in Berchtesgaden haben es mir angetan, ich mag sie. Ich bewundere die Leidenschaft und die Verbundenheit der Einheimischen zu ihrer Heimat und ihren Traditionen. Das ist etwas Besonderes. Ich freue mich darauf, das, was ich in Zukunft hier entdecken werde, auf diesem Blog zu erzählen.

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