© Karin Wabro/IfZ
Ausflugstipps

Abschied von der Doku

Am 20. Oktober 1999 eröffnete die Dokumentation Obersalzberg. Über drei Millionen Besucher wurden seitdem gleich nach der Eingangstüre von diesen Bildern empfangen – dem Prolog zur Ausstellung.

Die Kombination der Bilder soll die Versprechungen der Nationalsozialisten (Mitte), die Begeisterung in der Bevölkerung (daneben) und das Ergebnis von 12 Jahren Diktatur (auf den Flügeln links und rechts) zeigen. Den Besuchern soll so bereits am Anfang deutlich werden, dass der Obersalzberg im „Dritten Reich“ keine harmlose Ferienidylle war, sondern hier Verbrechen geplant und beschlossen wurden.

Kam das bei allen an? Darüber wurde 22 Jahre lang diskutiert. Viele blieben hier lange stehen. Manche schreckte der Prolog sogar vom Ausstellungsbesuch ab, andere gingen einfach an ihm vorbei. Einige sahen auch nur das Bild in der Mitte und machten Selfies. Die Flügel blendeten sie einfach aus. Dadurch zeigte der Prolog aber vor allem eines, Propaganda und Verbrechen gehören im Nationalsozialismus eng zusammen. Wer auch heute nur die Propaganda sehen will, wird aus der Geschichte nichts lernen!

Heute am 22. November 2021, wegen des Lockdowns fünf Tage früher als geplant, schließt die Dokumentation Obersalzberg ihre Pforten – aber natürlich nicht für immer: Die Dokumentation kommt mit neuer Ausstellung im neuen Gebäude zurück. Bis dahin wird der jetzige Bau zum Bildungszentrum umgestaltet. Dafür muss die jetzige Ausstellung weichen. Damit geht eine Ära zu Ende: Über 22 Jahre lang hat die „Doku“ – wie wir Einheimischen sie nennen – über die Geschichte des Obersalzbergs und des Nationalsozialismus informiert. Über 3,3 Millionen Menschen haben sie gesehen. Jetzt ist es Zeit Abschied zu nehmen!

Dr. Mathias Irlinger, Leonie Zangerl und Karin Wabro vom Bildungsreferat der Dokumentation Obersalzberg zeigen uns zum Abschied von der alten Dokumentation noch einmal besondere Ausstellungsteile und Exponate – manchmal mit Wehmut, manchmal mit Vorfreude und immer mit der Erkenntnis, dass es Zeit ist für Neues!

Kleine Häuser, die leuchten, wenn man auf Knöpfe drückt

Das Modell des Obersalzberges am Anfang der Ausstellung ist technisch einfach. Vielleicht funktioniert es genau deshalb seit 22 Jahren. Die Knöpfe wurden seit der Eröffnung der Ausstellung millionenfach gedrückt.

Nur selten klemmen einzelne Knöpfe. Dann behelfen sich die Guides kurzzeitig mit Schraubenziehern und schon leuchten die richtigen Gebäude wieder. Wenn ein Licht doch einmal ganz versagt, muss jemand in das Modell klettern und die Glühbirnen von unten wechseln.

Das Modell zeigt das „Führersperrgebiet“ im Jahr 1944. Wo zuvor ein Dorf war, leben nun Hitler, Göring, Bormann und Speer. Allein diese Nachbarschaft unterstreicht, dass der Obersalzberg damals kein bloßer Urlaubsort ist. Hier, in der traumhaften Bergwelt oberhalb von Berchtesgaden. macht die NS-Führung Politik. Weil das Modell mit wenig Text unglaublich viel erzählt, wird es auch in der neuen Ausstellung ein Modell geben. Dann sogar eines, dass von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden kann.

„Davon haben wir nichts gewusst!“

Mit dieser Aussage lehnen viele Deutsche nach 1945 eine Mitverantwortung für die Gewalt in der NS-Zeit ab. Darüber haben Mathias Irlinger und seine Kollegen in der Dokumentation Obersalzberg in den letzten 22 Jahren oft mit den Besuchern diskutiert. Viele Exponate zeigen, wie sichtbar die Verfolgung von Menschen in der NS-Zeit ist. Die meisten müssen etwas gemerkt und gesehen haben, beispielsweise bei der Reichspogromnacht: Eine Fotografie in der Ausstellung zeigt eine brennende Synagoge. Darunter ist ein Bild zu sehen mit vielen Schaulustigen.

Zahlreiche Menschen schauen zu, wie Jüdinnen und Juden misshandelt und jüdische Einrichtungen in ganz Deutschland geplündert und zerstört werden. Ob sie es gut finden oder innerlich dagegen sind, zeigt das Bild nicht. Eingeschritten ist aber niemand!

22 Jahre lang füllt diese Europakarte eine Tafel im Ausstellungsteil „Rassenpolitik, Judenverfolgung, Völkermord“. Viele Besucher der Dokumentation bleiben vor ihr stehen. Die Größe der Karte und die Anzahl der eingezeichneten Lager verdeutlicht die Ausmaße der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Einige Lager wie Auschwitz sind zu Synonymen für den Holocaust geworden, wie auch die Spuren auf der Karte zeigen.

Dabei werden auf der Karte längst nicht alle Lager gezeigt. Es fehlen hunderte von KZ-Außen- und Nebenlagern. Bei den Lagern für sowjetische Kriegsgefangene wurden nur jene berücksichtig, wo mehr als 25.000 Menschen starben! Hätte man alle Lager eingezeichnet, wäre die Karte mit Punkten überfüllt gewesen!  

Scheinbar durcheinander hängen diese Pins in einer Vitrine hinter einer Spendendose in Ausstellung.

In der NS-Zeit gibt es tausende dieser Anstecker. Man bekommt sie für eine Spende an das Winterhilfswerk der NS-Volkswohlfahrt (NSV). Mit dem Geld unterstützt die NSV nicht alle Menschen in Not, sondern nur jene, die in das Nazi-Menschenbild passen. Die Pins sind ein Anreiz zum Spenden, viele sammeln sie. Gleichzeitig wird auf diese Art Druck ausgeübt: Wer mag an Tagen von großen Sammelaktionen schon ohne Pin auf die Straße gehen und damit zeigen, dass man die NSV nicht unterstützt?  

Das Oaschpfeifirössl in der Doku

Das Arschpfeifenrössl – ein geschnitztes Pferd mit einer Pfeife im Hinterteil – kennen alle in Berchtesgaden. Es schmückt Weihnachtsbäume, ist ein beliebtes Souvenir und gehört zur Berchtesgadener War, der traditionellen Handwerkskunst der Region. Auch in der Ausstellung am Obersalzberg steht seit 22 Jahren ein „Oaschpfeifirössl“ zwischen anderen Schnitzereien und Werbeflyern. Warum?

Die Objekte zeigen, wie Nazi Symbole ab 1933 in viele Lebensbereiche Einzug erhielten – sogar in Kunsthandwerk und Tourismuswerbung. Nun schmückte Hitlers Haus traditionelle Berchtesgadener Holzschachteln und Werbeflyer. Auch Hakenkreuze waren zu sehen. Das Hasssymbol war nach 1933 salonfähig. Es diente nun sogar Werbezwecken.

Die neue Dokumentation Obersalzberg

Die neue Dokumentation Obersalzberg wird voraussichtlich Ende 2022 eröffnen. Auf einer Ausstellungsfläche von 800m² wird die neue Ausstellung unter dem Leitmotiv „Idyll und Verbrechen“ die Geschichte des 3. Reiches und speziell die Rolle des Obersalzbergs beleuchten. Ich bin schon gespannt darauf. Ein besonderer Dank gilt Karin Wabro für die Bilder!

Euer Sepp

Mein Name ist Sepp Wurm und ich arbeite seit Sommer 2010 im Tourismus Marketing. Als Social Media Enthusiast kümmere ich mich neben diversen anderen Kanälen auch um den Bergerlebnis Berchtesgaden Blog. Schwerpunkt meiner Blogbeiträge sind Berichte über meine Wanderungen und Bergtouren im Sommer, sowie über Skitouren im Winter. Meine Leidenschaft für die Berge bringe ich gerne in unseren Blog mit ein. Als waschechter Ramsauer „Bergbauernbua“ liegen mir zudem unsere Heimat und ihre Traditionen und Bräuche natürlich besonders am Herzen. Ich hoffe, diese Liebe zu unserem schönen Berchtesgaden spiegelt sich auch in meinen Blogbeiträgen wider.

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