Ausflugstipps

Für alles im Leben …

… gibt es bekanntlich eine Zeit. In meinem war die Schönfeldspitze, eines der Wahrzeichen von Berchtesgaden, die Pyramide, die 2.653 Meter hoch aufragt, schon zweimal vorgesehen. Das zweite Mal war gestern. Die Besteigung ist geglückt, das Wetter hat gehalten, trotz Gewitterprognosen, vor denen uns Manfred Gruber, der Hüttenwirt des Riemannhauses (2.177 m), schon am Freitagabend warnte. Früh aufstehen, hatte er uns geraten, und das hat gut gereicht.

Um 7 Uhr morgens war es noch angenehm kühl, Schafe säumten wie Wegelagerer den Zustieg und verfolgten den zweieinhalbstündigen Aufstieg mit konstantem Blöken. Das war auch das einzige Geräusch auf der Tour, sieht man von gelegentlichem Schnaufen der Mitsteigenden ab. Ein Spaziergang ist es nicht da hinauf, man muss schon ein bisschen kraxeln, bis man den Grat erreicht, von dem aus man einen Blick hinunter ins Tal hat, der für die ersten Strapazen entlohnt. Im Süden nach Maria Alm bis zum Zeller See, im Hintergrund die vergletscherten Gipfel von Großglockner und Großvenediger.

 

Nach Westen überblickt man das gesamte Steinerne Meer mit dem Großen Hundstod als markanten Punkt und die grüne Ebene, in der der Funtensee liegt. Dahinter schön die Spitzen des Watzmanns, und wieder sieht die Südspitze etwas höher aus, obwohl sie offiziell einen Meter niedriger ist als die Mittelspitze.

Man quert nun ein luftiges Felsband, an dem ein paar Eisengriffe angebracht sind. Dahinter geht’s einfach nur runter, also besser den Blick zum Fels.

Und dann hat man nur noch den Gipfelanstieg vor sich, hinauf zu einem Gipfelkreuz, das vielen merkwüdig vorkommt, dabei ist es einfach nur etwas Besonderes. Kein Kreuz mit Edelweiß, sondern eine anrührende Pietà.

 

Im Abstieg wird die Kraxelei nun nicht leichter. Manche versuchen’s mit dem Bauch zur Wand, andere andersherum, wobei dann immer der Rucksack im Weg ist. Und ausschaun tut’s auch nicht so besonders. Schlüsselstelle ist wiederum die Felsquerung vor dem Grat, an der einige etwas länger brauchen. Auch im Abstieg wieder zweieinhalb Stunden für die langsameren unter uns. Im Riemannhaus noch eine Stärkung, Nudelsuppe oder Palatschinken, dann aber runter, denn der Föhn kann das Gewitter nicht mehr lang aufhalten.

 

Und jetzt geht’s ans Eingemachte. Schon vor der Wanddurchquerung unterhalb der Ramseiderscharte platschen die ersten dicken Tropfen runter. Schnell durch die Wand, bevor das Gewitter näherrückt. Von allen Felshängen stürzen Wasserfälle herab, die am Tag zuvor noch nicht existierten. Wer will, nass bis auf die Haut und noch zwei Stunden vom Parkplatz entfernt, jetzt noch Pause machen? Meine Knie und meine Oberschenkel! Aber das hilft jetzt nichts. In den Schuhen gluckert es bei jedem Schritt, reißende Bäche queren den Kiesweg unterhalb der Latschenregion. Unter den Kniebandagen setzt das Algenwachstum ein. Jetzt einfach durchhalten.

 

Unter den Kofferraumdeckeln gibt’s dann zum Abschluss noch sowas wie eine Peepshow (Witz!) zu sehen. Gut, dass das Berchtesgadener Nummernschild nicht zu erkennen ist. Meine Knie träumen immer noch von einer zweiten Nacht im Riemannhaus. Und ich muss den überstürzten Abstieg über 1.500 Höhenmeter wohl noch ein paar Tage büßen. Aber schee war’s scho.

Lisa Graf-Riemann ist in Passau geboren und lebt seit vielen Jahren in Marktschellenberg im Berchtesgadener Land. Sie schreibt Reisebücher, Lehrwerke und bisher 6 Kriminalromane: "Eine schöne Leich" (2010), "Donaugrab" (2011), "Eisprinzessin" (2013) und "Madame Merckx trinkt keinen Wein" (2015). Die Romane "Hirschgulasch" (2012) und "Rehragout" (2014), die auch im Berchtesgadener Land spielen, schrieb sie zusammen mit Ottmar Neuburger. Mit ihm verfasste sie auch die "111 Orte im Berchtesgadener Land, die man gesehen haben muss" (aktualisierte Neuauflage 2015). Alle Bücher sind im Emons Verlag in Köln erschienen. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt , findet man sie im Sommer wie im Winter in den heimischen Bergen, auf einem Klettersteig oder beim Schwimmen am Thumsee.

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