Berge

Gute Nacht, Murmeltier!

Besuch der Winterbaue an der Königsbachalm

Im Tal hängt noch der Nebel als es heute Vormittag losgeht, hinauf zur Königsbachalm. In den Hochlagen liegt bereits zu viel Schnee für größere Bergtouren, daher stehen jetzt wieder die bewährten Herbstziele wie Grünstein, Rauer Kopf und eben das schöne Almgebiet am Jenner auf dem Programm. Um ein wenig Zeit zu sparen werden statt der Bergstiefel die Laufschuhe geschnürt und im Trab geht es an der Talstation der Jennerbahn los. Bald sind die letzten Häuser passiert und die steile Asphaltstraße geht in die nicht minder steile Sandpiste des Hochbahnwegs über.

Watzmannblick auf dem Hochbahnweg
Watzmannblick auf dem Hochbahnweg

Wenige Kurven später quert man die Seilbahn und schon danach gewähren Lücken im dichten Wald erste Ausblicke auf die über dem Nebel sichtbare Bergwelt. Immer wieder schweift der Blick hinüber zum verschneiten Watzmann, zur Kühroint-Alm und zu den Steilwänden des Königssees. Mal flacher, mal steiler geht es hinauf und bald künden die ersten „Marterl“ von der jahrhundertealten Nutzung dieses Bergwegs. Die gemalten Totengedenktafeln säumen die Strecke und erinnern an die vielen Unglücke bei Forstarbeit, Bergbau und Almwirtschaft in diesem Gebiet.

Marterl am Hochbahnweg
Marterl am Hochbahnweg

Ein Blick von der Aussichtkanzel, die kurz vor dem Ende des schmalen Sandwegs liegt, hinab in die Hänge und Wände des Königssees macht klar, dass tägliche Arbeit bei Wind und Wetter, sommers wie winters, hier am Berg immer mit großer Gefahr verbunden war.

 

Am Königsbach entlang zur Alm

Hinter dem Aussichtspunkt mündet der Weg nun in die breite Forststraße ein, die letztlich ins Gotzengebiet führt. Hier oben scheint der Nassschnee der letzten Woche besonders schwer gewesen zu sein, da überall dicke, belaubte Äste abgebrochen sind und sauber aufgearbeitet an der Böschung liegen. Der Königsbach, der ab hier den Weiterweg begleitet, ist derzeit nur ein dünner Bergbach. Die ausgewachsenen, blanken Felsplatten entlang des Ufers zeugen jedoch davon, dass er nächstes Frühjahr bei der Schneeschmelze wieder zum reißenden Gewässer wird.

 

Sommer und Winter zur selben Zeit

Ein letztes Steilstück führt jetzt endlich zu den Holzhütten der Königsbachalm. Mit brennender Lunge und nassgeschwitzt kommt die warme Südwand einer der Hütten gerade recht, und auf einem Bänklein sitzend entschädigen die Strahlen der Herbstsonne für den rasanten Aufstieg. Hier oben herrscht ein enges Nebeneinander von Sommer und Winter. Auf der Schattseite liegt der Schnee festgefroren auf den Wiesenhängen und die Kälte hat bereits alles im Griff. Wenige Meter weiter auf der Sonnseite hingegen ist immer noch Spätsommer.

Auf der Königsbachalm
Auf der Königsbachalm

Die großen, holzbewohnenden Rossameisen tragen fleißig Nahrung in ihre Baue im Inneren von Baumstämmen, die seltenen Rotflügeligen Schnarrschrecken springen sirrend durch die Luft, und auch überraschend viele Bergblumen haben den kürzlichen Wintereinbruch überstanden. Thymian und Deutscher Enzian, Berglöwenzahn und Hahnenfuß strecken ihre Blüten der Sonne entgegen. Die prominentesten Bewohner der Königsbachalm sind jedoch nicht mehr anzutreffen: die Murmeltiere haben sich in den Winterschlaf begeben. Ausgelöst von der immer kürzeren Tageslänge und sicher auch befördert durch den Neuschnee, haben sich die Nager in ihre Baue zurückgezogen. Die Eingänge sind von innen mit Erde verschlossen und in einigen Metern Tiefe liegen die Familien nun in ihren mit Heu ausgepolsterten Schlafkammern. Erst in einem halben Jahr werden sie wieder herauskommen, deutlich abgemagert, aber mit frischen Frühlingsblumen als Kraftnahrung direkt vor der Haustür.

 

Erst als dünne Schleierwolken die Sonne mehr und mehr verdecken, geht es wieder hinunter ins Tal. Bald liegen Alm, Forststraße und Hochbahn weit zurück und der Alltag hat einen wieder. Aber mit dem Wissen, dass dies noch lange nicht die letzte schöne Herbsttour war, lässt sich das durchaus aushalten.

 

Euer Toni

Toni Wegscheider ist freiberuflicher Biologe und ein intimer Kenner der Berchtesgadener Berg- und Tierwelt. Neben seiner Arbeit als Freilandforscher beim Steinadler-Monitoring des Nationalparks Berchtesgaden ist er auch als Musuemspädagoge im Salzburger Haus der Natur tätig und bietet Natur- und Wildtierführungen an.

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