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Toni Wegscheider und die Rückkehr des Bartgeiers

Toni Wegscheider aus Schönau a. Königssee ist Biologe und Vorsitzendender der örtlichen Kreisgruppe des Landesbund für Vogelschutz e.V.. Seine Karriere beginnt vor 20 Jahren als Bartgeier Praktikant im Nationalpark Hohe Tauern, danach arbeitet Toni auch für den Nationalpark Berchtesgaden. Er hat eine Machbarkeitsstudie zur Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Ostalpen erstellt und kommt zu dem Schluss, dass sich die Berchtesgadener Alpen sehr gut als Lebensraum für den Bartgeier eignen.

Toni Wegscheider: Biologe aus Schönau a. Königssee © Florian Warnecke

Ausrottung und Wiederansiedlung

Früher waren Bartgeier weit verbreitet in den Alpen. Auch in den Berchtesgadener Bergen zogen die beeindruckenden Greifvögel mit einer Spannweite von bis zu drei Metern ihre Kreise. Der Ruf der großen Greifvögel war allerdings nicht der beste: Weit verbreitet ist in früheren Zeiten der Irrglaube, Bartgeier machen Jagd auf Kinder. Die Bartgeier werden gnadenlos gejagt und schließlich ausgerottet. In Berchtesgaden wird der letzte urkundlich erwähnte Bartgeier 1879 erlegt, allerdings dürfte es sich da schon nur noch um einen Besucher aus anderen Alpenteilen gehandelt haben. Die Hinweise auf Bruten im Talkessel sind mehrere Jahrzehnte älter.

In den 1980er Jahren wird in Österreich das erste Wiederansiedlungsprojekt gestartet: Im Alpenzoo Innsbruck werden junge Bartgeier gezüchtet und 1986 im Nationalpark Hohe Tauern ausgewildert. Weitere Projekte dieser Art folgen am Mont-Blanc und am Ortler. Und jetzt bald am im Nationalpark Berchtesgaden: Einen passenden Ort hat man schon gefunden: In der Nähe der Halsalm im Klausbachtal wird ein künstlicher Horst in einer Felsnische geschaffen. Hier werden die ausgewilderten Jungvögel rund um die Uhr bewacht und mit Wasser und Futter versorgt, bis sie flügge sind. Besucher haben ab dem ersten Tag Gelegenheit die Vögel zu beobachten, verspricht Ulrich Brendel, der stellvertretende Leiter des Nationalparks.

Bartgeier © Hansruedi Weyrich
Der Bartgeier erreicht eine Spannweite von bis zu drei Metern © Hansruedi Weyrich

Interview mit Toni Wegscheider

Toni Wegscheider wird das Wiederansiedlungsprojekt im Nationalpark Berchtesgaden leiten. Ich habe ihm ein paar Fragen zur Wiederansiedlung des Bartgeiers gestellt.

Woher stammen die Jungvögel? Die Jungvögel stammen aus mehreren der am europäischen Zuchtprogramm beteiligten 40 Zoos und Brutzentren. Je nach Schlupfdatum, Gesundheitszustand, Geschlecht und genetischer Linie können die Tiere also aus Nürnberg, Spanien, Frankreich oder aus sonst einer Bartgeierhaltung in Europa nach Berchtesgaden geschickt werden.

Wie läuft die Auswilderung der Vögel ab? Im Alter von 90 bis 100 Tagen sind die Jungen groß genug, dass sie nicht mehr den ständigen elterlichen Kontakt benötigen. Sie werden aus der jeweiligen Voliere entnommen und per Auto oder Flugzeug in den Tiergarten Nürnberg geschickt. Dort erholen sie sich einige Tage von der Reise und lernen in einer Voliere erstmals ihre Artgenossen kennen, mit denen zusammen sie später ausgewildert werden. In Nürnberg werden den kleinen Geiern GPS-Sender angepasst und auch die Beringung findet unter den sicheren Bedingungen in der Voliere statt. Außerdem bekommen sie mit Bleichmittel aus dem Friseurbedarf ein individuelles Strichmuster in die Schwingen gebleicht, wodurch man sie einige Wochen danach im Flug sehr gut unterscheiden kann. Nachdem noch einmal einige Tage Erholung von diesen Prozeduren eingelegt wurden, kommen die Geier in speziellen Transportkisten per Auto nach Berchtesgaden. Dort werden die Tiere erstmals zusammen der Öffentlichkeit präsentiert und auch die Namensgebung der drei Vögel wird vollzogen. Nach diesem kleinen Festakt kommen die Geier letztmals in Transportkisten und werden auf Kraxen von kräftigen Helfern hinauf in die Halsgrube getragen, wo in einer großen Halbhöhle schon drei Nester aus Zweigen und Schafwolle errichtet wurden. Dort setzt das Betreuerteam die Vögel hinein, damit sie sich ohne Menschenkontakt noch einige Wochen weiterentwickeln. Während dieser Zeit in der Freilassungsnische und auch nach dem Ausflug der Jungvögel bis zum Verlassen der näheren Umgebung werden die Tiere von einem Beobachterteam praktisch rund um die Uhr überwacht. Von einer kleinen Hütte in der Halsgrube aus und durch eine Webcam und Funk-Fotokameras wird jede Regung und Entwicklung der Geier registriert. Das bedeutet drei Monate lang einen 15-Stunden-Tag nach dem anderen für die BetreuerInnen, die in jeder lichten Stunde per Spektiv und Kamera die Nische und die Geier darin im Auge behalten. Dieses fordernde Pensum ist nur durch regelmäßig wechselnde Teams zu gewährleisten, sodass neben NationalparkpraktikantInnen und den hauptberuflichen Beauftragten des LBV auch ehrenamtliche Enthusiasten einen Beitrag zur Beobachtung leisten können.

Wann können die Vögel fliegen? Schon wenige Tage nach der Freilassung werden die jungen Bartgeier beginnen, mit Flügelflattern und Herumhüpfen ihre Brustmuskulatur für den Erstflug zu kräftigen. Die Zahl der Flügelschläge pro Tag bei diesem Training ist übrigens ein gutes Maß für das näherrückende Verlassen der Freilassungsnische. Sobald sich ein Geier einer Zahl von ca. 200 Schlägen pro Tag nähert, steht dessen Ausflug kurz bevor. Mit ca. 120 Tagen sind die meisten Bartgeier soweit entwickelt, dass sie ihre Felsnische verlassen und die Lüfte erobern.

Wie viele Bartgeier sollen in Zukunft im Nationalpark angesiedelt werden? An anderen Freilassungsplätzen in den Alpen haben sich Zeitspannen von ca. 10 Jahren als realistisch erwiesen, um in einer Region einen etablierten Bestand an Bartgeiern zu bewirken. Bei zwei bis drei Jungvögeln pro Jahr, je nach Schlupferfolg im europäischen Erhaltungszuchtprogramm, werden wir wohl maximal 30 Bartgeier im Nationalpark in die Freiheit entlassen. Dabei ist weder geplant noch zu erhoffen, dass diese Vögel alle in der näheren Umgebung bleiben. Junge Bartgeier haben Streifgebiete von leicht einmal 10.000 Quadratkilometern, was mehr als dem doppelten des gesamten bayrischen Alpenraums entspricht. Irgendwo dort werden sich die Geier dann nach einigen Wanderjahren hoffentlich niederlassen und mit der Gründung von Revieren beginnen. Entscheidend ist, dass durch diese Tiere der noch relativ dünne ostalpine Bestand gestützt wird und dass man mit den freigelassenen Vögeln seltene genetische Linien aus dem Zuchtprogramm in die Wildpopulation einbringen kann, um Inzucht zu verhindern.

Danke Toni für die Antworten! Ich wünsche Dir viel Erfolg beim Projekt und freue mich, bald schon Bartgeier über dem Klausbachtal kreisen zu sehen.

Mein Name ist Sepp Wurm und ich bin seit Sommer 2010 bei der Berchtesgadener Land Tourismus. Als Social Media Enthusiast kümmere ich mich neben diversen anderen Kanälen auch um das BerchtesgadenerLandBlog. Schwerpunkt meiner Blogbeiträge sind Berichte über meine Wanderungen und Bergtouren im Sommer, sowie über Skitouren im Winter. Meine Leidenschaft für die Berge bringe ich gerne in unseren Blog mit ein. Als waschechter Ramsauer „Bergbauernbua“ liegen mir zudem unsere Heimat und ihre Traditionen und Bräuche natürlich besonders am Herzen. Ich hoffe, diese Liebe zu unserem schönen Berchtesgadener Land spiegelt sich auch in meinen Blogbeiträgen wider.

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