St. Bartholomä am Königssee

Berchtesgadener Land Blog

Ann-Katrin

Natur- und Tiererlebnis im Hagengebirge

 von Ann-Kathrin
Blick ins steinerne Meer

Blick ins steinerne Meer

Wie schon in meinem vorherigen Artikel „Welcome to the moon – unsere Reise zum Mond“ erwähnt bin ich mit einer Angina auf 2-Tagestour gegangen. Nun muss ich das aktuell bereuen. Ich habe sie verschleppt und irgendwie werde ich nicht richtig gesund. Es ist Wochenende und ich habe frei. Einen Tag davon bin ich ans Bett gefesselt, eben wegen der verschleppten Angina. Den nächsten Morgen fühle ich mich besser. Ich plane gen Hagengebirge zu wandern. Wohin und wie weit, da gebe ich mir keine Richtung vor. Einfach mal leiten lassen, wohin es gehen soll und vor allem wie weit ich gehen kann mit der fiesen Erkältung.

Zuerst geht es erst einmal zu Fuß zum Königssee Parkplatz von der Talstation der Jennerbahn folge ich den Beschilderungen in Richtung Königsbachalm. Schnell bin ich über der morgendlichen Nebelsuppe. Gerade im Herbst könnte man Schönau am Königssee auch in Nebelau am Königssee umbenennen. Stetig bergauf geht es zum Hochbahnweg durch die steile Häusersiedlung im Dorf Königssee. Am Ende der Straße beginnt der Hochbahnweg. Hier mache ich nun meine Stöcke auf und erleichtere mich meiner Jacke. Es ist richtig warm geworden. Nun geht es auf diesem breiten Weg bis zur Königsbachalm. Zwischendurch bieten sich wunderbare Tiefblicke zum Königssee und hinüber zum mächtigen Watzmann. Früher war der Hochbahnweg furchtbar anstrengend. Mittlerweile fällt mir dieser sehr viel leichter und man hat diese Wegstrecke auch schnell überwunden. Bei der Königsbachalm geht es nochmal etwas steiler bergan in Richtung Priesbergalm. Dieser sogenannte Königsberger Graben ist ein kleiner Wadenzwicker. Bei der Priesbergalm angekommen öffnet sich nicht nur eine schöne Aussicht zur Watzmann-Ostwand und das steinerne Meer, sondern nun endet der breite Forststraßenweg und wird zu einem wunderschönen Pfad, der sich dann in Richtung Stiergraben zu einem Steiglein entwickelt. Dem Eingang zum Hagengebirge.

Deutlich merke ich, dass meine Atmung nicht so gut funktioniert wie sie es sollte. Es fühlt sich an, wie als hätte ich einen Tennisball im Hals. Oft ist es schwierig Luft zu holen. Aber die Beine wollen immer mehr. Es ist als würden sie ein Eigenleben führen, einfach funktionieren wie eine Maschine, die mich überall hinbringt. So lande ich nach ein paar vereisten Stellen am Seeleinsee auf 1809 Metern Höhe im Hagengebirge. Dieser hat schon eine dünne Eissicht, wodurch sich seine Farbe in ein leichtes gräuliches hellblau veränderte. Auch zwei schöne Kontraste sind zu erkennen. In Richtung Windschartenkopf/Schneibstein und Fagstein ist es schneefrei und zum Hochgeschirr hinauf liegt schon ein wenig Schnee.

Blick vom Hochgeschirr zum Seeleinsee

Blick vom Hochgeschirr zum Seeleinsee

Meine Beine haben nicht genug vom Aufstieg zum Seeleinsee und so habe ich vollkommen die Kontrolle über die unteren Gliedmasen verloren. Sie tragen mich zum eingeschneiten Aufstieg zum Hochgeschirr. Das erste Mal nach diesem grandiosen Rekordsommer wieder Schnee und Eis unter den Füßen. Das ist echt ungewohnt! Und das Suchspiel beginnt! Einige Markierungen sind vom Schnee bedeckt wodurch ich mich anhand meiner Erinnerung orientiere wo ich zu laufen habe um auch nicht in ein Löchlein einzukrachen.

Der Steig zum Hochgeschirr vom Seeleinsee dauert nicht lange und oben empfängt mich zur Begrüßung die Sonne. Mitten auf dem Hochgeschirr befindet sich ein großer und langer Stein, optisch sieht er aus wie eine Sonnenliege. Die Kleider vom Leib gerissen, dorthin gelegt, Brotzeit gemacht und dabei den Blick vom Kahlersberg ins steinerne Meer schweifen lassen. Garten Eden vor mir! Schon fast kitschig, kaum auszuhalten! Träume ich! Ja, denn das kann doch nicht Realität sein? Denn wo sind denn die Menschen? Last woman on earth?

Sonnenbad am Hochgeschirr

Sonnenbad am Hochgeschirr

Es ist wirklich kein Mensch unterwegs und das an einem Sonnentag am Wochenende. Ich bin vollkommen alleine. Selbst die Dohlen haben Ruhetag. Nur eine leistet mir Gesellschaft und hofft darauf, dass ich mein Wallnußbrot teile.

Irgendwann muss ich mich leider losreisen. Die Beine schreien nach Beschäftigung, die Lunge hat sich schon an das masochistische Verhalten gewohnt. Es soll nun noch weiter gehen bergab in Richtung Landtal und dann hinauf zur Gotzenalm.

Es ist schwer sich auf den Weg zu konzentrieren wenn man ständig diese paradiesische Szenerie vor sich hat! Links auf einem Wiesenhang sehe ich etwas erhöht von mir Tiere. Irgendwas mit Hörnern. Durch meine Sonnenbrille halte ich sie erst für Gemse und dann setze ich die Brille ab und schaue genauer und sehe, dass es Steinböcke sind! Ein ganzes Rudel! Schnell einen Weg ausmachen, wie ich hoch zu dieser Wiese komme. Die Wiese liegt nicht am Weg, es war aber unschwierig dort hinauf zu steigen. Ganz langsam nähere ich mich dem Rudel. Ich möchte mein Glück mit den Steinböcken versuchen. Werden Sie vor mir flüchten oder kann ich ganz nah an sie heran kommen?

Schritt für Schritt komme ich ganz langsam immer näher. Die Tiere haben mich auch schon entdeckt. Sie starren mich alle an, doch so manchem Tier wird es dann doch zu langweilig dieses dürre, bunte Tier auf zwei Beinen zu beobachten und recken lieber ihre Schnauze der Sonne entgegen. Neben mir läuft ein kapitales Tier und schaut öfter zu mir herüber. Mein Bodyguard?

Weggefährte

Weggefährte

Kaum zu glauben was da gerade passiert. Nun bin ich mitten im Steinbockrudel. Die Tiere haben sich an meine Anwesenheit gewohnt. Von Aggressivität keine Spur! Ich fühle mich sicher unter den Tieren. Klar, ich kann sie nicht streicheln. Aber das brauchen sie auch nicht, sie nutzen ihr riesiges Gehörn um sich beispielsweise am Rücken zu kratzen – da werde ich schon fast neidisch.
Ich mache unheimlich viele Fotos, die Zoomfunktion ist so gut wie nicht nötig. Es entstanden unheimlich tolle Aufnahmen. Hier habe ich nur zwei Veröffentlicht. Mehr Fotos wird es dann in Zukunft in meinem eigenen Blog, Facebookseite und im nächsten Jahr erscheinender Literatur von mir geben.

Mitten im Steinbockrudel

Mitten im Steinbockrudel

Jetzt ist schon Nachmittag und ich bin noch immer bei den Steinböcken. Wird immer unrealisitischer hier! Entweder die Tiere sind Menschen schon sehr gewohnt oder sie wittern einfach keine ausgehende Gefahr von mir. Jedenfalls fühle ich mich sehr gut aufgenommen und einer der Steinböcke hört mir sogar zu als ich ihn bat doch sitzen zu bleiben als dieser gerade dabei war aufzustehen, schaut das Tier mich an und legt sich dann wieder hin. Von soviel Toleranz (denn ich bin ja keine Steinböckin) können sich die Menschen eine Scheibe abschneiden. Hier werden Menschen nicht so gut untereinander aufgenommen.

Irgendwann heißt es dann leider Abschied nehmen. Der Steinbock der mich mit hoch zum Rudel begleitete, begleitet mich noch ein Stück bergab. Passiert das gerade wirklich?! Dann wird aber das Futter am Boden interessanter. Als ich dann wieder am Hochgeschirrabstieg in Richtung Landtal/Gotzenalm bin halten wir nochmals kurz Blickkontakt und dann sind die Böcke kaum noch zu sehen. Für mich geht es wieder ein Stückchen bergauf auf einem schönen und schmalen Pfad.

der Sonne entgegen

der Sonne entgegen

Es wird Zeit einen Zahn zuzulegen, denn mittlerweile wird es gegen 17 Uhr dunkel. Die Stirnlampe von LED-Lenser die fast so stark wie ein Autoscheinwerfer ist, ist natürlich immer dabei und bringt mich auch bei Dunkelheit sicher vom Berg.

Blick ins steinerne Meer

Blick ins steinerne Meer

Kurz vor der Regenalm höre ich es rascheln im Wald. Erst entdecke ich nichts und dann sehe ich ganz nah eine Auerhenne, sie entdeckt mich und flattert schnell lautstark vor mit weg. Ich werfe einen Blick nach oben und über dem hohen Laafeld sehe ich einen Steinadler. Ernsthaft?! Es ist als würde gerade die Tierwelt wiedererwachen passend zur Nebensaison im Berchtesgadener Land. Welch Ironie!

An der Gotzenalm wird nochmals kurz gevespert und tatsächlich haben sich ein paar Mountainbiker hierher verirrt. Leider ist auch die Gotzenalm schon seit Mitte Oktober geschlossen.

Almgebiet Gotzenalm

Almgebiet Gotzenalm

Dann heißt es so langsam Abschied nehmen von einem grandiosen und schon fast unrealistisch schönen Tag. Es muss nun nämlich schnell gehen. Die Forststraße geht stetig bergab bis zur Gotzentalalm, von dort aus weiter zur Königsbachalm und dann den Hochbahnweg wieder hinunter ins Dorf Königssee und zurück nach Hause laufen. Wie ich dann hinterher über outdooractive herausfinde, war meine „kleine“ Erkältungsrunde rund 30 Kilometer lang. Und Schuld sind nur die Beine, die nicht aufhören können zu gehen 😉

Liebe Grüße von eurer Neu-Steinböckin, Ann-Kathrin

5 Kommentare

6. November 2015 um 18:51 von Stefan

Liebe Ann-Kathrin,
absolut zufällig bin ich auf diesen Blog gestoßen…und begeistert. Du schilderst hier Eindrücke und Erlebnisse, die ich im BGL (meine erste Tour dort war 1993) seit 22 Jahren sowas von gut nachvollziehen kann. Ich habe (als Steinbock!) im Hagengebirge auch schon Steinböcke gesehen…allerdings leider nur aus der Ferne. Auch, dass es etwas besonderes – vielleicht unvernünftig, aber etwas besonderes – ist, alleine durch die Berge zu streifen, neue Wege zu finden oder alte wieder zu finden, kann ich sehr gut nachempfinden. Der Weg zu sich selbst führt auch bei mir durch die Berge…nun, davon hat es viele in Italien, Österreich oder der Schweiz…aber nirgendwo finde ich dieses tiefe Gefühl, diese Verbundenheit mit der Natur und das Tor zur völligen Entspannung, wie…naja, eben da! Und Deine Berichte erinnern mich sehr an dieses Gefühl. Lieben Dank dafür!
Liebe Grüße aus Wuppertal, Stefan

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9. November 2015 um 11:53 von Claudia

Ein sehr schöner Bericht! Ich bin gern „mitgewandert“ 🙂

Viele Grüße
Claudia

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20. Mai 2016 um 13:12 von Adlerbeobachtung am Rauhen Kopf - Berchtesgadener Land Blog

[…] Und wer genügend Geduld und Sonnencreme dabei hat, kann mit etwas Glück Steinadler oder Gänsegeier beobachten. Letzterer ist aber nur auf Ausflug vom Salzburger Zoo. Doch den Jungsteinadler, der wohl kein Heimatrevier hat den wir hier am Gipfel über uns beobachten können ist hier „wild“ unterwegs. Einfach atemberaubend dieses majestätische Tier zu beobachten. Irgendwann verlässt er uns aber wieder und gleitet in Richtung Königssee und Hagengebirge. […]

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20. Juli 2016 um 11:57 von 30 Kilometer pures Glück! - Berchtesgadener Land Blog

[…] Diese Begegnung erinnert mich an mein unvergessliches Steinbockerlebnis im November, als ich mich mitten unter das Rudel gesellen durfte […]

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11. August 2016 um 10:54 von Bike & Hike & Boat-Tour im Hagengebirge (Teil 1) - Berchtesgadener Land Blog

[…] Touren-Finder bei der Suche nach der optimalen Tour! Letztendlich fiel die Münze dann auf das Hagengebirge. Eifrig ging es an die Tourenplanung, bei der am Ende eine etwas unkonventionelle Bike & Hike […]

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