Berge

Vier Frauen – drei Watzmanngipfel

Unsere Watzmannüberschreitung

Es waren ja viele letzten Freitag, 1.8., dem wetterstabilsten Tag der Woche, oben auf dem Watzmann. Allein 120 Personen haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag im Watzmannhaus übernachtet. Aber wir waren die einzige reine Frauengruppe, die die Watzmannüberschreitung gewagt hat. Wir, das sind: Anni, Christine, Karin und Lisa (ich). Für mich war die Überschreitung ein 5 Jahre lang gehegter Wunsch und seit diesem Jahr ein echtes Ziel. Ich habe den ganzen Frühling und Sommer dafür trainiert. Das heißt: viele Bergtouren gegangen, auch Klettersteige (Grünstein, Mannlgrat rauf und runter), und Konditionstraining 3 bis 4-mal wöchentlich, Radlfahren und Schwimmen, dazu Muskelaufbau, damit die Knie den Abstieg durchhalten. Fazit: Es hat sich ausgezahlt!

Aber der Reihe nach. Donnerstagnachmittag, 31.7., Aufstieg aufs Watzmannhaus vom Hammerstiel aus – 2 Stunden und 40 Minuten erst im Sprühregen, dann im Vollregen. Für das schlechte Wetter wurden wir entschädigt durch Begegnungen der besonderen Art: Drei Bergmandl, glänzend schwarze Alpensalamander, kreuzten unseren Weg. Eine Begegnung für Herz.

 

Dann ein gutes Essen, eine Runde Zirbenschnaps und ein angenehmes Nachtlager im Watzmannhaus. Aufstehen um 5 Uhr, aber dann haben wir doch getrödelt und kamen erst um 6 Uhr los. Ich war langsam, aber um 8 Uhr war ich auch oben am Hocheck, beim goldenen Christus am Kreuz und meiner feschen Damencrew, die schon für Furore sorgt.

Auf der Mittelspitze bin ich früher schon gewesen, aber als ich jetzt rüberschaue, packt mich doch wieder kurz das Grausen. Da will ich wirklich rüber? Anni, Christine und Karin teilen meine Bedenken nicht, also schlucke ich sie runter und mache mich nach einer Pause fertig für die Überschreitung des Grates. Ich habe zur Sicherheit mein Klettersteigset dabei und Helm tragen wir alle, denn Steinschlag habe ich dort am Grat auch schon erlebt.

Ich konzentriere mich auf jeden Schritt und die nächsten 3 bis 5 Meter, die jeweils vor mir liegen. Die Ausblicke hinunter in die Ostwand, auf die Eiskapelle, den Eisbach, den Königssee und den Obersee sind atemberaubend. Auf der anderen Seite geht es nur minimal weniger steil nach unten. Hochkalter, Reiteralm, Wimbachgries und im Süden natürlich die schneebedeckten Tauern – es ist überwältigend. Trotzdem immer schön aufpassen auf jeden Schritt!

 Mittelspitze erreicht im Bewusstsein, dass der Übergang zur Südspitze die eigentliche Herausforderung ist – mit doppelter Wegstrecke und vielen Ab- und Gegenanstiegen und, ja, doch einigen nicht seilversicherten ausgesetzten Stellen.

 

Ja, und auch an der Südspitze kommen wir sicher an und sind noch lange nicht am Ende unserer Kräfte. Die brauchen wir auch noch für den laaangen steilen Abstieg ins Wimbachgries. Jetzt kommt die Kniebandage zum Einsatz, prophylaktisch.

 Im rutschigen oberen Teil sitzen wir nacheinander alle vier auf dem Hosenboden. Unangenehm, aber zum Glück  harmlos. In den mit Seilen und Ketten versicherten Rinnen werfen wir unsere Stöcke ab, weil es mit zwei freien Händen einfach besser geht. Am Hubschrauberlandeplatz wird erstmal ausgiebig Pause gemacht. Das Schlimmste liegt hinter uns, das Wetter bleibt stabil.

 

m weiteren Abstieg erreichen wir die erste grüne Fläche, sie ist voller Gämsen, die auch gar nicht scheu sind und sich artig fotografieren lassen. Leider geht es nicht so grün weiter. Noch eine kleine felsige Querung, noch eine seilversicherte Rinne, noch eine Eisenkette, an der wir uns über rutschiges Schrofengelände ablassen. Ja hört das denn nie auf? Die ersten Kinderfragen werden laut: Wann sind wir denn endlich unten? Wir queren ein Bachbett und noch einen Felsvorsprung …

 Ich mach’s kurz: Um 18 Uhr steigen wir mit dem ersten Fuß ins Gries, diesen urzeitlichen Schuttstrom mit seiner ganz eigenen Atmosphäre und nach weiteren 30 Minuten erreichen wir die Wimbachgrieshütte. 12 Stunden waren wir mit allen Pausen unterwegs. Ich weiß, es gibt schnellere Teams. Aber geschafft haben ist für mich alles, und wir sind heil durchgekommen und absolut stolz auf uns!

Wir gönnen uns eine weitere Nacht und vorher noch eine Runde Schnaps in der Hütte und gehen in aller Ruhe und mit richtig viel Spaß am Samstagmorgen durchs Wimbachgries plaudernd zurück in die Zivilisation. Bei der Strobl Kathi im Wimbachschloss nehmen wir noch einen Kanten Kallbrunnkäse für daheim mit und dann machen wir an der Wimbachbrücke unser letztes Gruppenfoto. So schee war’s, Mädels. Und wo geh ma als nächstes aufi?

 

Lisa Graf-Riemann ist in Passau geboren und lebt seit vielen Jahren in Marktschellenberg im Berchtesgadener Land. Sie schreibt Reisebücher, Lehrwerke und bisher 6 Kriminalromane: "Eine schöne Leich" (2010), "Donaugrab" (2011), "Eisprinzessin" (2013) und "Madame Merckx trinkt keinen Wein" (2015). Die Romane "Hirschgulasch" (2012) und "Rehragout" (2014), die auch im Berchtesgadener Land spielen, schrieb sie zusammen mit Ottmar Neuburger. Mit ihm verfasste sie auch die "111 Orte im Berchtesgadener Land, die man gesehen haben muss" (aktualisierte Neuauflage 2015). Alle Bücher sind im Emons Verlag in Köln erschienen. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt , findet man sie im Sommer wie im Winter in den heimischen Bergen, auf einem Klettersteig oder beim Schwimmen am Thumsee.

25 Kommentare

  • Christine

    Liebe Lisa,
    das hast du so schön zusammengefasst! Und ich bin stolz, dass ich dabei war, bei der einzigen Frauengruppe! Dann waren wir auch noch so souverän, und farbenfroh und hübsch sowieso… Ich krieg schon wieder Gänsehaut!
    Auf eine baldige Wiederholung an anderer Stelle!
    Christine

  • Elke

    Wahnsinn – tolle Fotos und ein schöner Bericht! Macht Spaß zu lesen auch wenn ich den Gifel nur von unten anschauen werde.

  • Lisa

    Danke euch allen für die netten Kommentare und Glückwünsche! Jemand hat auf FB geschrieben, ein echter Bergsteiger würde nicht mit seinen Leistungen prahlen. Aber wir wissen alle, dass die Zeit, die wir gebraucht haben für die Überschreitung, schon gleich gar nicht zum Prahlen taugt 😉 Ich hab sie trotzdem ehrlich reingeschrieben. Die echten Bergsteiger sind natürlich viiiiiel viel schneller drüber. Für mich war es eine Herzensangelegenheit und ich bin sehr stolz, dass ich es gepackt habe. War nämlich gar nicht sicher 😉

    • Kathrin

      > pfffff… als OB. Die lügen dass sich die Balken biegen. Waren gestern auf dem Watzmannhaus mit Abstieg über Kühroint via Grünsteinhütte. ca. 10 Minuten nach Eingang Pfad Grünsteinhütte trafen wir eine Gruppe Wanderer, die die Strecke (bergauf) in 15 Minuten gegangen sind. Is klar. Wunderbar, Mädels, macht weiter so!

  • Alex

    Hallo Lisa,
    ich und 4 Freunde haben nächstes Jahr vor die Watzmann Überschreitung packen. Jedoch liest man ganz oft dass nur Leute mit Alpiner Erfahrung dazu fähig sind. Zwei von uns tun Sportklettern und alle 4 sind eigentlich sehr fit und vor allem Trittsicher und Schwindelfrei. Jetzt würde ich dich fragen ob wir das schaffen können?

    Schon mal vielen Herzlichen Danke
    Alex 🙂

    • Lisa

      Hallo Alex,
      sehe deinen Kommentar jetzt erst. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Klettersteigerfahrung – das ist schon die halbe Miete. Die andere Hälfte ist Fitness und eine gewisse Ausdauer. Es ist ja eine richtig weite, also lange Tour. Vor allem den Abstieg darf man nicht unterschätzen und nicht in der Aufmerksamkeit nachlassen, denn nach der Südspitze geht es steil und auf rutschigem Untergrund nach unten. Nach dem ersten Steilstück ist es dann „nur“ noch ein ewig langer Hatsch, noch mal eine Biegung, noch mal eine Rinne usw. Man ist schon froh, wenn man endlich an der Wimbachgrießhütte sein Radler bestellen kann 😉 Aber landschaftlich und von der Fernsicht ist es einfach bombastisch.
      Wünsch‘ euch eine tolle Tour nächstes Jahr!
      Lisa

  • wolfgang

    ich bin jetzt 67 und habe vor 25 J. die überschreitung gemacht,
    einfach genial. Leider beimiesem Wetter ohne viel Sicht,
    deshalb danke für die tollen Bilder und dentreffenden Bericht,
    Glückwunsch, Dass ihr es geschafft habt u. zwar ohne Schaden.
    Wir kamen damals beim Abstieg in einen Steinschlag.

    Berg Heil, Wolfgang

    • Lisa

      Danke, Wolfgang!
      Wir hatten ideale Bedingungen an dem Tag – und wären am liebsten für immer oben auf dem Hubschrauberlandeplatz sitzen geblieben, so grandios war die Aussicht.
      Lieben Gruß
      Lisa

  • Doris

    Hallo bin zufällig auf eure Seite gelangt. Da ich aus Österreich stamme wollte ich fragen, ob ich auf dem 1. Foto tatsächlich ne Ösi Flagge links entdeckt habe oder nicht 🙂 Wo ist das genau aufgenommen worden? 🙂 Danke und LG Doris… PS: toller Blog

  • Anni

    Liebe Lisa,
    erst jetzt (!) habe ich Deinen Beitrag entdeckt und bin total begeistert! Was für eine gelungene Zusammenfassung eines Wahnsinnserlebnisses! Ich bin sehr stolz, dass ich dabei war und begeistert, dass mich beim Anblick der Bilder und dem Lesen Deiner Beschreibung nach weit über einem Jahr, die (Hoch-)Gefühle, die diese Tour hervorgerufen hat, sofort wieder überfallen!
    Viele Grüße von Anni

    • Lisa

      Liebe Anni,
      danke!! Schad, dass du dieses Jahr nicht auf der Wasseralm und am Teufelshorn mit dabei warst. Da fällt mir ein: Zeit wird’s für die Frauentourplanung für Sommer 2016. Ich hätte da schon eine Idee. Melde mich!
      Liebe Grüße, Lisa

  • Bernd Heublein

    Habt Ihr Mädels toll gemacht!Bei so schönen Wet ter ein Traum.Hab die Tour vor 30 Jahren gemacht.Vom Zeltplatz in Königsee ausan einem Tag.Zum Schluß noch durch das ganze Wimbachtal gerannt. Wir waren halt Marathonläufer. Möchte im Sommer diese Tour mit meinen Neffen machen.Allerdings mit 2 Übernachtungen.LG Bernd aus Coburg

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