Kultur

Der Markt Teisendorf – Die Lebensader Straße

Nach einem Spaziergang mit Altbürgermeister Lindner – Teil 3

„Der Markt der alles hat“ – so der Slogan, mit dem die Geschäftswelt von Teisendorf für die „Einkaufsmeile“ Marktstraße wirbt. „Der Markt der alles hat…“ – das sehe ich seit meinem Spaziergang mit Altbürgermeister Fritz Lindner durch den Marktflecken aber auch noch aus einem ganz anderen Blickwinkel: Ein Ort, der in der über die Jahrhunderte bis heute nachwirkenden Geschichte seine Lebendigkeit bewahrt. Im BLOG Teil 1 zu lesen vom Schulwesen und ehemaligem Treffpunkt Dorfstadel,  dem Kindergarten und dem alten Feuerwehrhaus, im BLOG Teil 2 stellte ich Euch den Ort entlang der ehemaligen Salzstraße mit Schwimmbad und Brauerei vor.

Das heutige Thema: Die Lebensader Straße…

der Marienbrunnen in der Markstraße bei Nacht in Teisendorf

Straßen – Verkehrswege – immer schon ein ganz, ganz wichtiger Faktor für und um das Leben eines Ortes. Geht es heute oft um das „Problem“ Straße mit zu viel Verkehr, so verlief mit der Straße in früheren Zeiten eine „Lebensader“ durch den Ort. Für Teisendorf hat diese Lebensader mehrmals einen epochalen Wandel bedeutet.

Wasserauslauf am Marienbrunnen (Maria Immaculata) in der Marktstraße

Heute: Wunderbar sanierte Fassaden – erbaut im venezianischen Baustil (auch Inn-Salzach-Baustil genannt), viele schmucke kleine Läden, die zum Einkauf einladen, Kaffee und Eisdiele für die kurze Einkehr, bodenständige bayerische Wirtshauskultur …….. Teisendorf, der Markt, der alles hat!

1990 – die Marktstraße erstickt im Verkehr

Es ist gar nicht so lange her, da sieht es in diesem heute so schönen Marktkern von Teisendorf noch ganz anders aus. Eine Autolawine, unterbrochen von riesigen Lastwägen, wälzt sich tagtäglich durch die enge Marktstraße. Für den Menschen bietet sich kaum lebenswerter Platz, beinahe sogar lebensgefährlich gestaltet sich das Überqueren der Fahrbahn.

Bauschild des Straßenbauamtes für die zu bauende Ortsumfahrung von Teisendorf,

Schon in den 1960er Jahren sinnt daher der Marktgemeinderat auf Abhilfe, führt unter Bürgermeister Fritz Lindner 1981 ein Raumordnungsverfahren durch für eine Ortsumfahrung durch, prüft in langwierigen Verhandlungen mit dem Straßenbauamt zusammen verschiedene Trassenführungen, leitet schließlich mit dem Spatenstich am 4. Dezember 1995 den Bau ein und gibt am 14. Juli 2000 die Umgehungsstraße dem Verkehr frei.

Welch Errungenschaft für die Teisendorfer, für Pendler und Reisende – diese Ortsumfahrung Teisendorf. Schaut man jedoch in die weite Vergangenheit, erklärten uns unsere Vorfahren wohl für nicht ganz bei Sinnen, einem Ort wie Teisendorf die so wichtige „Lebensader Straße“ zu nehmen. Sie brauchten die Straße, die durch den Ort führt, die Orte verbindet auf dem einfachsten Weg, ohne die der für das Überleben so wichtige Handel und Wandel undenkbar ist.

Mit Altbürgermeister Fritz Lindner – ein wahrer Kenner des Ortes – gehen wir in der Geschichte zurück: Schon für das „Tusindorf“ der Römerzeit bedeutet die zentrale Lage an der Römerstraße (vielleicht sogar schon keltische Handelsstraße) zwischen den Orten Juvavum (heute Salzburg) – und Augusta Vindelicorum (heute Augsburg) einen Glücksfall. Handel bringt Reichtum und Bekanntheit, bringt Wachstum und Wohlstand. Wahre Baumeister sind die Römer, bauen Brücken und gepflasterte Straßen und befestigen in sumpfigem Gelände mit Knüppeldämmen aus Eichenbohlen; sie begründen damit auch größtenteils ihre militärische Überlegenheit durch verhältnismäßig schnell mögliche Truppenbewegungen. Wieder einmal eindrucksvoll untermauert ein 1990 gemachter Fund beim Kanalbau in Ufering das Wissen um diese Römerstraßen: In 1,3 mtr. Bodentiefe liegen zu einem Knüppeldamm gelegt vollständig erhaltene Eichenbohlen. Wie so viele Funde aus dieser Zeit, bestätigen diese Eichenbohlen eindrucksvoll den Verlauf der Straße über Hörafing durch Ufering nach Teisendorf und weiter Richtung Traunstein.

1795 – der Burgfried Teisendorf

Nach der Zeit der Römer verliert sich das Wissen um die Straßenbaukunst, die Handelswege verlagern sich größtenteils auf die Flüsse, in unserem Gebiet Saalach und Salzach. Vor allem Salz aus Berchtesgaden und Bad Reichenhall, Sandstein vom Högl und Marmor vom Untersberg sind zu transportieren. Nur auf wenigen Straßen rollt der Verkehr mit Handelsware – glücklicherweise auch durch Teisendorf, das somit weiter an Bedeutung gewinnt. Die Bedeutung Teisendorfs verstärkt sich Anfang des 13.Jhdt. noch einmal gravierend. Das Salz aus Bad Reichenhall darf nicht mehr auf dem Wasserweg verschifft werden, es beginnt die Blütezeit der „Salzstraßen“ und hier in ganz besonderem Maße der Straße über Mauthausen – Aufham – Höglwörth – durch Teisendorf – 1275 als Mautstation und 1344 erstmals als Markt erwähnt. Vom damals als „Nieder-Teisendorf“ bezeichneten Ort liegen alle zentralen Handelsorte eine Tagesreise entfernt. Somit entstehen neben Handwerk und Handel vor allem Gast- und Beherbergungsbetriebe mit Aus- und Umspannstationen.

Zeichnung des Ortes Teisendorf aus dem Jahre 1804 von Norden aus gesehen
vor dem großen Marktbrand am 29. Mai 1815

Dauernde Streitigkeiten zwischen Bayern und Salzburg führen jedoch Anfang des 17. Jhdt. dazu, den Salzsäumerweg zu verlegen; er führt ab der Zeit über den Jochberg – Inzell – Siegsdorf nach Traunstein. Teisendorf wäre wirtschaftlich verloren, entwickelte sich nicht das Brauwesen im Markt Teisendorf (siehe mein BLOG „Teisendorf Teil II). Das Bier verdrängt den „sauren“ Wein als Volksgetränk, die Bierfuhren gehen in alle Richtungen ab, die alte Straße über Schönram nach Laufen heißt im Volksmund sogar „Bierführerstraße“. Und beinahe gleichzeitig nimmt die Eisengewerkschaft Achthal eine äußerst positive Entwicklung mit der hohen Vielfalt an Gusserzeugnissen, die vor allem auf der „Salzburgerstraße“ ihren Weg finden.

1886: Das Automobil ist erfunden, das Fahrzeug, das kein Pferd mehr braucht, revolutioniert den Straßenverkehr (Automobil aus dem Griechischen auto  = selbst und aus dem Lateinischen mobilis = beweglich). Diese selbstfahrende Kutsche braucht ganz andere Straßenverhältnisse. Die großen, raumverbindenden Verkehrsadern werden ausgebaut, verstärkt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts dann begradigt und oft schon geteert. Für Teisendorf bedeutet dies 1933/34 die Verlegung der bisherigen Straße durch Ufering auf die 1. Umgehungsstraße, die später als B 304 bis 2000 durch Teisendorf unterhalb der St. Anna Siedlung und des Dechantshofes Richtung Freilassing führt.

Heute rollt der Verkehr auf der B 304 südlich von Teisendorf auf der Umgehungsstraße. Denke ich zurück an das z.B. Einkaufen und teilweise lebensgefährliche Überqueren der Marktstraße mit drei kleinen Kindern, dann fällt es mir heute um so leichter, von unserer wunderbaren Marktstraße zu schwärmen. Es lässt sich im verkehrsberuhigten Markt Teisendorf angenehm leben, arbeiten und sich begegnen. Die Marktstraße von Teisendorf – das „Schmuckkästchen des Rupertiwinkels“…

die Marktstraße in Teisendorf in der Stimmung der abendlich-blauen Stunde

Ich lebe gern hier in Teisendorf…
Eure Rosi

Bilder:
RoHa-Fotothek Fürmann
Archiv Fürmann
Archiv Markt Teisendorf

Im südostbayerischen Raum, besonders im Rupertiwinkel und dem angrenzenden Österreich ist Rosi Fürmann unterwegs, um die Landschaft, das Land und die Leute, die die Schönheiten der Alpenregion und des Voralpenlandes wiederzugeben, zu fotografieren.

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