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Doktor Mathias Irlinger: Der Bildungsreferent vom Obersalzberg

Wie viele andere junge Berchtesgadener verlässt Mathias Irlinger nach dem Abitur seine Heimat und beginnt ein Studium. Er studiert Neuere und Neueste Geschichte, Politische Wissenschaft und Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der University of Exeter, Großbritannien. Seine Heimat verliert der Ramsauer dabei nie aus den Augen. Im August 2011 erlangt er mit seiner Arbeit „Der Obersalzberg nach 1945. Über den Umgang mit einem Ort des Dritten Reiches“ den akademischen Grad des Magister Artium. Nach einer Tätigkeit als freier Historiker wird er 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der LMU im Projekt „Die Münchner Stadtverwaltung im NS“ und arbeitet in den folgenden Jahren an seiner Promotion. Mit einer Arbeitsstelle in der Heimat liebäugelt Mathias nicht. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm. Ende 2016, Mathias ist gerade in der Endphase seiner Promotion, schreibt die Dokumentation Obersalzberg die Stelle des Bildungsreferenten aus. Mathias, mittlerweile verheiratet – mit einer Historikerin – und Vater einer kleinen Tochter, bewirbt sich. Und wird prompt angenommen.

Seit März 2017 ist Mathias also Bildungsreferent der Dokumentation Obersalzberg. Zusammen mit Karin Wabro erarbeitet er pädagogische Konzepte für Führungen und Gruppen. Ihnen obliegt auch die Ausbildung der Rundgangs Leiter. Von der 18-jährigen Abiturientin, über Studenten und interessierte Arbeiter bis zum 72-jährigen pensionierten Lehrer versammeln sich hier unterschiedlichste Personen aus Berchtesgaden um Besucher des Obersalzbergs durch die Ausstellung zu führen. Jeder Rundgangsleiter setzt dabei individuelle Schwerpunkte und gestaltet seine Führung anders.

Mathias legt in der Ausbildung der Rundgangs Leiter besonderen Wert auf die Vermittlung kritischer Medienkompetenz. Er beschäftigt sich intensiv mit Fotografie, speziell der Bildsprache der NS Propaganda, und versucht – auch durch Vergleiche zur heutigen Zeit – seine Rundgangs Leiter zu sensibilisieren. Diese geben dann in den Führungen Ihr Wissen weiter, besonders an Schulklassen. Über 100 Schulklassen besuchen jedes Jahr den außerschulischen Lernort am Obersalzberg.

Dokumentation Obersalzberg

Mathias und Karin sind Historiker, also die wissenschaftliche Arbeit gewohnt. In der Dokumentation kümmern sich die beiden aber auch um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und organisieren Veranstaltungen wie die Obersalzberger Gespräche. Bis zu 150 Besucher kommen zu diesen Veranstaltungen, die im AlpenCongress Berchtesgaden stattfinden.

Zurzeit unterstützt Gedenkdiener Johann Faschingleitner aus Österreich die beiden in ihrer Arbeit. Der Gedenkdienst ist ein österreichischer Freiwilligendienst, der als sechs- bis zwölfmonatiger Auslandsdienst in Holocaust-Gedenkstätten, Museen und Forschungseinrichtungen mit Bezug auf Holocaustforschung geleistet werden kann. Dieser Freiwilligendienst wird durch den Staat gefördert und der Auslandsdiener wird nach Ableistung seines mindestens zehnmonatigen Dienstes von seiner Zivildienstpflicht befreit.

Karin Wabro, Mathias Irlinger mit Gedenkdiener Johann Faschingleitner

Die Arbeit des Bildungsreferenten wirkt aber auch über die Dokumentation Obersalzberg hinaus. Als promovierter Historiker genießt Mathias ein gewisses Alleinstellungsmerkmal im Berchtesgadener Tal. Bei historischen Fragen von Schulen, Kirchen oder Institutionen wie Heimatkundeverein oder Katholisches Bildungswerk ist er Ratgeber und Ansprechpartner.

Als 2017 die Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes den Antrag stellen, in das bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen zu werden, argumentiert Mathias in einem fachlichen Begleitschreiben, dass die Mitgliedschaft Adolf Hitlers bei den Berchtesgadener Weihnachtsschützen kein Hinderungsgrund für die Aufnahme des Brauchtums in die Liste darstellt. Das Bayerische Staatsministerium der Finanzen und für Heimat folgt seiner Argumentation und nimmt die Weihnachsschützen 2018 offiziell in die Liste auf.

Die Neue Dokumentation Obersalzberg

Die Dokumentation Obersalzberg wird 1999 eröffnet und ist für etwa 30 bis 40 Tausend Besucher im Jahr ausgelegt. Schnell zeigt sich, dass die prognostizierten Besucherzahlen viel zu niedrig angesetzt sind. In den letzten Jahren sind es jeweils an die 160 Tausend Besucher. Besonders in den Sommermonaten gelangt die Doku an ihre Kapazitätsgrenzen.

Gruppenführungen sind aufgrund der eingeschränkten Größe des Gebäudes auf 20 Personen limitiert. Ein großes Problem bei Schulausflügen angesichts der heute üblichen Klassengrößen. Zudem gelangt die einsprachige Ausstellung aufgrund eines sehr internationalem Publikums an ihre Grenzen: Etwa ein Drittel der Besucher spricht kein Deutsch. Abhilfe schaffen Audioguides und Flyer in verschiedenen Sprachen.

Ende Oktober 2017 erfolgt schließlich die Grundsteinlegung für die Erweiterung der Dokumentation.

Die Bauarbeiten sind in vollem Gang

Unter dem Leitmotiv „Idyll und Verbrechen“ werden 800m² Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen. Das bisherige Gebäude der Dokumentation wird ein Bildungszentrum mit Platz für Gruppen und Sonderausstellungen. Mathias und das Institut für Zeitgeschichte sind an der Konzeption der neuen Ausstellung zwar nur informell beteiligt, können aber etliche Ideen – besonders zur Museumspädagogik – einbringen. Aber auch bei der Definition des „Roten Fadens“ der neuen Ausstellung sind Mathias und Karin involviert. Immerhin wird die neue Doku hauptsächlich Exponate präsentieren, nicht nur Schautafeln wie die jetzige Ausstellung. Das ist möglich, da der Neubau in den Berg gebaut wird und die Ausstellung nicht dem Tageslicht ausgesetzt ist. Denn Tageslicht ist der Feind von historischen Exponaten und Dokumenten! Statt Zahlen und Fakten aufzulisten, wird die neue Ausstellung die Geschichte anhand von Geschichten und Exponaten erlebbar machen.

Die Geschichte der einzelnen Ausstellungsstücke ist entscheidend für die Auswahl der Exponate. So werden NS Massenkitsch-Artikel gezeigt, die der Dokumentation von einem Ex Neonazi aus Mecklenburg-Vorpommern gespendet wurde. Tatsächlich hat man bei der Suche nach Exponaten unter anderem mit einem Aussteigerverein zusammengearbeitet und konnte so einige Devotionalien für die Ausstellung gewinnen.

Einige Themen der neuen Ausstellung wird Mathias schon in diesem Jahr vorstellen. Am 17. Mai 2020 ist internationaler Museumstag. Dann wird in der Doku das Exponat Bunker genauer erklärt. Anhand von Inschriften an den Bunkerwänden, die in den Jahren nach Kriegsende dort angebracht wurden, hat Mathias mit seinem Team interessante Geschichten recherchiert.

Die Erweiterung der Dokumentation wird voraussichtlich im Laufe des Jahres 2021 eröffnen. Bis dahin hat Mathias noch einiges zu tun.

Danke, dass du mir so einen umfassenden Einblick in die Arbeit eines Bildungsreferenten gegeben hast.

Mein Name ist Sepp Wurm und ich bin seit Sommer 2010 bei der Berchtesgadener Land Tourismus. Als Social Media Enthusiast kümmere ich mich neben diversen anderen Kanälen auch um das BerchtesgadenerLandBlog. Schwerpunkt meiner Blogbeiträge sind Berichte über meine Wanderungen und Bergtouren im Sommer, sowie über Skitouren im Winter. Meine Leidenschaft für die Berge bringe ich gerne in unseren Blog mit ein. Als waschechter Ramsauer „Bergbauernbua“ liegen mir zudem unsere Heimat und ihre Traditionen und Bräuche natürlich besonders am Herzen. Ich hoffe, diese Liebe zu unserem schönen Berchtesgadener Land spiegelt sich auch in meinen Blogbeiträgen wider.

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